Dienstag, 6. Dezember 2005

100 Tage nach "Katrina": Versunkene Millionenstadt New Orleans leidet weiter

  • Schlechtes Krisenmanagement & menschliche Dramen

Schlamperei, Ignoranz, Hilflosigkeit und Kompetenzgerangel gehören in den USA zur Bilanz 100 Tage nach dem tödlichen Hurrikan "Katrina". Rund 100 000 E-Mails, Notizen und andere Dokumente sind veröffentlicht worden und zeigen vor allem eins: Schlechter hätte das Krisenmanagement in den Tagen nach der Flutkatastrophe von New Orleans am 29. August dieses Jahres nicht laufen können.

15 Stunden dauerte es beispielsweise, bis der zuständige Minister die Nachricht auf den Tisch bekam, dass die Dämme gebrochen waren. Während die Regierung in Washington nicht in die Gänge kam, waren die Behörden vor Ort mit der Flut von privaten Hilfsangeboten überfordert. Busse zur Rettung der vom Wasser Eingeschlossenen wurden zurückgeschickt, weil sie keine Toilette oder Klimaanlage hatten. Darüber hinaus stritten das Weiße Haus und die demokratische Gouverneurin Kathleen Blanco über Kompetenzen. Die internen Aufzeichnungen belegen, dass für Blanco und deren Mitarbeiter drei Tage nach dem Desaster klar wurde, dass sie von Regierung zu Sündenböcken gemacht werden sollten.

1.300 Menschen starben
Hurrikan "Katrina" brach am 29. August über die Südstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama herein und verwandelte ein Gebiet vom Ausmaß Großbritanniens in eine Trümmerlandschaft. Mehr als 1.300 Menschen starben. Nach Schätzungen richtete "Katrina" einen Schaden an, wie die folgenden zwölf Hurrikans zusammengerechnet. Die USA durchlitten und durchleiden die größte, teuerste und tödlichste Naturkatastrophe in einem Jahrhundert.

Erst in der vergangenen Woche durften Einwohner in den letzten, bis dahin noch geschlossenen Stadtteil zurückkehren, um nach ihren Habseligkeiten zu sehen. Viel ist nicht mehr zu gebrauchen. Das Viertel Lower Ninth Ward stand bis zu sieben Meter unter Wasser. Überall an den Wänden haben sich in den Gebäuden Schimmelkulturen eingenistet.

40 Prozent weiter ohne Strom
Der Horror für Rückkehrer ist überall gegenwärtig: Zwei Drittel von 145.000 Häusern in der Stadt sind nach Angaben der Behörden beschädigt oder zerstört worden. In 40 Prozent des Stadtgebietes ist die Stromversorgung auch drei Monate nach dem Hurrikan weiter unterbrochen.

Dennoch reist Bürgermeister Ray Nagin wie ein Handelsvertreter durch die Lande und versucht, frühere Einwohner zur Rückkehr zu bewegen. Nahezu eine halbe Million Menschen ist über 44 Bundesstaaten verstreut worden - das hat es selbst während der größten Dürre oder Wirtschaftskrise nicht gegeben.

Wenig mehr als 60.000 Menschen verbringen nach offiziellen Angaben Tag und Nacht in der einst florierenden Südstaatenmetropole. Obwohl Arbeitskräfte für den Wiederaufbau und für Krankenhäuser, Schulen, Hotels und Restaurants gebraucht werden, ist der Strom von Rückkehrern ausgeblieben. Das hat vor allem drei Gründe. Die Stadt sei pleite und müsse sich ihr Geld überall zusammenborgen, sagt Bürgermeister Ray Nagin. Außerdem haben sich Schrecken, Panik, Not und Verzweiflung nach den gebrochenen Dämmen so in das kollektive Bewusstsein der Flüchtenden eingebrannt, dass viele ihr Leben und Eigentum nicht ein zweites Mal auf das Spiel setzen wollen.

Dämme kosten ein Vermögen
Bei seinen Reisen stößt Nagin immer wieder auf die selben Vorbehalte: Erst wenn die Dämme und Deiche für einen Wirbelsturm der Stufe 5, fit gemacht würden, sei an eine Rückkehr zu denken. Dieses Sicherheitsgefühl wird es aber wohl nie geben. Solche Bollwerke von Dämmen kosten Schätzungen zufolge 32 Milliarden Dollar (27,2 Milliarden Euro), und der Bau dauert mindestens ein Jahrzehnt. Die Armee will nach Angaben des Nachrichtenmagazins "Time" bis zum Beginn der nächsten Hurrikan-Saison am 1. Juni kommenden Jahres rund 60 des 480 Kilometer langen Deichsystems in Stand setzen. Dies bietet dann jedoch nur Schutz vor einem Hurrikan der Kategorie 3.

Und schließlich beschleicht viele das Gefühl, dass sich der Staat aus der Verantwortung stehlen will. US-Präsident George W. Bush habe den größten Wiederaufbau weltweit versprochen, aber dies sei schnell zu einer Privatangelegenheit geworden, zieht die "Los Angeles Times" Bilanz. Von dem Hilfspaket des US-Kongresses in Höhe von 62 Milliarden Dollar sei erst ein Drittel ausgegeben worden. "Geld und Sympathie trocknen aus", schreibt "Time".

(apa)

6.12.2005 10:44