Sonntag, 4. Dezember 2005

"Fahrt zur Hölle!": Saddam Hussein droht mit Prozess-Boykott und beschimpft Richter

  • Tränenreiche Aussage einer Zeugin vor Gericht
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Der frühere irakische Präsident Saddam Hussein hat seine Richter verflucht und einen Boykott des weiteren Verfahrens angekündigt. Der gegen ihn geführte Prozess sei ungerecht, beklagte Saddam. "Ich werde einem unfairen Prozess nicht beiwohnen", sagte der gestürzte Präsident am vierten Verhandlungstag wiederholt. Außerdem beschwerte er sich über seine Haftbedingungen.

Saddam steht mit sieben weiteren Angeklagten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht. Der Prozess soll am Mittwoch mit weiteren Zeugen-Anhörungen fortgesetzt werden. Ob Saddam daran teilnehmen wird, war zunächst unklar. Vertreter des Gerichts hatten zuvor erklärt, die Angeklagten müssten nicht bei allen Anhörungen anwesend sein. Am Montag war die Verhandlung für 90 Minuten unterbrochen worden, nachdem die Anwälte der Verteidigung den Saal aus Protest verlassen hatten.

"Wir haben Tage in denselben Hemden und Unterhosen verbracht. Wir können kein Bad nehmen oder eine Zigarette kriegen", monierte Saddam. Das letzte, was er den Richtern nach Aussage von Reportern zurief war: "Fahrt zur Hölle." Saddam wirft den Richtern unter anderem vor, den Folter-Berichten der Zeugen, die er als Märchen bezeichnet, länger Gehör zu schenken als den Argumenten der Verteidigung.

Zeugin bricht in Tränen aus
Unter Tränen hat eine Zeugin im Prozess gegen den irakischen Ex-Präsidenten Saddam Hussein berichtet, wie sie einst von den Schergen des Regimes gedemütigt und mit Elektroschocks gefoltert worden sei. Selbst der frühere Parteifunktionär Ali Daim Ali, einer der sieben Mitangeklagten des Ex-Machthabers, kämpfte am Dienstag auf der Anklagebank mit den Tränen, als die Irakerin berichtete, wie Kinder im Gefängnis misshandelt worden seien. Saddam Hussein verzog keine Miene.

Die Zeugin, die in dem Bagdader Gerichtssaal aus Sicherheitsgründen nur mit "Alif" (der erste Buchstabe des arabischen Alphabets) angesprochen wurde, saß während ihrer Aussage hinter einem grauen Vorhang. Ihre Stimme wurde technisch verzerrt. Nach einer ersten Befragung erlaubte der Vorsitzende Richter den Angeklagten jedoch, das Gesicht der Frau aus Dujail zu sehen. Die Kameras der TV-Sender, die den Prozess zeitverzögert ausstrahlen, wurden vorher ausgeschaltet.

Vergewaltigungen und Folter
Nach dem Massaker in der schiitischen Kleinstadt Dujail von 1982, für das Saddam Hussein und seine ehemaligen Getreuen vor Gericht stehen, waren Dutzende von Frauen und Mädchen im Gefängnis vergewaltigt worden. Viele von ihnen haben aus Scham nie darüber gesprochen. Die Zeugin "Alif" sagte bei ihrem Bericht über Folterungen: "Er zwang mich, mich auszuziehen, dann hob er meine Beine hoch und quälte mich mit Elektroschocks."

Nach ihren lautstarken Auftritten am Vortag und zahlreichen Unterbrechungen auch der Zeugen verhielten sich Saddam Hussein und seine sieben Mitangeklagten während der Aussage der Frau weitgehend ruhig.

Im Gerichtssaal hatten sich am Montag chaotische Szenen abgespielt. Der Ex-Präsident fiel einem Zeugen ins Wort, der unter Tränen schilderte, wie 1982 in Dujail nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf Saddam Hussein Dutzende von Menschen gefoltert und erschossen worden waren.

(apa/red)

4.12.2005 22:08