Dienstag, 29. November 2005

"Strategie für Sieg im Irak": Bush lässt Zeit-
punkt für Abzug der US-Truppen weiter offen

  • "Kein Krieg ist je nach Zeitplan gewonnen worden"
  • Irak ist Hauptfront im Krieg gegen den Terrorismus

Trotz der täglichen Gewalt im Irak sieht US-Präsident George W. Bush offenbar einen Rückzug der US-Truppen näher rücken. Irakische Sicherheitskräfte übernähmen mehr und mehr Verantwortung im Kampf gegen die Aufständischen, sagte er am Mittwoch in einer Grundsatzrede im US-Bundesstaat Maryland, ohne für den von seinen Kritikern geforderte Heimkehr der Soldaten einen zeitlichen Rahmen zu nennen.

"Unser Ziel ist es, genug irakische Kräfte auszubilden, damit diese den Kampf selbst führen können", sagte Bush auf einem Marinestützpunkt in Annapolis. "Das erfordert Zeit und Geduld. Aber es ist die Zeit und die Mühe wert", fügte er hinzu. Ziel seiner Strategie sei es, dass die Iraker "ohne größere ausländische Unterstützung" die Verantwortung für den Kampf gegen die Aufständischen übernähmen. Die Schlagkraft der irakischen Sicherheitskräfte verbessere sich täglich und erlaube den Truppen der US-geführten Koalition, sich mehr und mehr auf die Ausbildung zu konzentrieren.

"So lange ich Oberkommandierender bin, wird Amerika nicht vor Attentätern und ihren Autobomben oder Angreifern davonlaufen", sagte der Präsident weiter. Eine Frist für einen Truppenabzug zu setzen wäre seinen Worten zufolge ein Signal der Schwäche Amerikas an seine Feinde und mache sie glauben, dass "Amerika Hals über Kopf abhaut und seine Freunde im Stich lässt".

Eine solche Entscheidung hänge von der Einschätzung der militärischen Befehlshaber im Irak ab und nicht von "künstlichen Zeitplänen, die von Politikern in Washington aufgestellt werden", sagte Bush unter Anspielung auf Forderungen vor allem aus der Demokratischen Partei. "Wenn unsere militärischen Führer dort uns sagen, wir brauchen mehr Truppen, dann werde ich sie schicken."

Bush forderte alle US-Bürger auf, ein am Mittwoch vom Weißen Haus veröffentlichtes Papier zur "Nationalen Strategie für einen Sieg im Irak" zu lesen. Darin heißt es, es gebe immer mehr gut ausgebildete und ausgerüstete irakische Soldaten und Polizisten, eine demokratische Regierung sei im Amt, und die Wirtschaft werde wiederaufgebaut. "Wir erwarten, können aber nicht garantieren, dass sich unsere Haltung im Irak im nächsten Jahr verändert", heißt es in dem Papier. Ein sofortiger Rückzug der US-Truppen wird mit der Begründung abgelehnt, dass damit Terroristen ein sicheres Rückzugsgebiet erhielten. Außerdem würden Reformer im Nahen Osten niemals wieder Vertrauen in Versprechen der USA haben.

Angesichts von rund 2100 gefallenen Armeeangehörigen bereitete der Präsident seine Landsleute auf weitere tote Soldaten vor. "Kriegszeiten sind Zeiten der Opfer", sagte er. Bush räumte indirekt auch Fehler ein. Die USA hätten jedoch aus ihren frühen Erfahrungen mit den Irakern gelernt, sagte er.

Die US-Militärpräsenz in Irak stehe davor, sich zu wandeln, sagte Bush. Es werde weniger Patrouillen und Konvois geben, und man werde sich auf Spezialaktionen gegen besonders wichtige terroristische Ziele konzentrieren.

Der Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Harry Reid, kritisierte, Bush habe eine Gelegenheit verpasst, den Amerikanern eine reale Strategie für den Sieg im Irak vorzulegen.

Eine Mehrheit der US-Bürger ist indes mit der Irak-Politik unzufrieden. In einer AP-Umfrage zu Beginn des Monats wurde Bush nur noch von 37 Prozent unterstützt. 62 Prozent sind mit der Irak-Politik nicht einverstanden. (apa)

29.11.2005 22:05