"Herminators" brutale Ski-Welt: "Manchmal verliere ich in meinem Fuß jegliches Gefühl"
- NEWS: Maier über seine Handicaps nach dem Unfall
- Und wie er Raich und Co trotzdem Paroli bieten will
·Lake Louise: Aamodt in Quali Schnellster
Maier auf Platz 2. Miller & Walchhofer auf 5 und 10
·Perfektes Training
für ÖSV-Herren in USA
15-köpfiges Team für Lake Louise wurde fixiert
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Abfahrtsgold bei Olympia im Visier: Hermann Maier ist mit bald 33 Jahren noch nicht bereit, den Ski-Thron zu räumen. Trotz der Spätfolgen des Motorradunfalls ist er angriffslustig wie zu seinen besten Zeiten. Mit NEWS plauderte der "Herminator" über seine Pläne, Träume und Leiden.
NEWS: Wie wichtig war Ihr Traumstart in Sölden für den weiteren Verlauf des OlympiaWinters?
Maier: Gerade am Beginn der Saison ist immer ein gewisser Unsicherheitsfaktor dabei. Passt die Materialabstimmung, stimmt die Form, hast du in der Vorbereitung alles richtig gemacht? Heuer hab ich zumindest im Riesentorlauf von Beginn weg die Sicherheit, dass es vom Material her passt. Daher kann ich mich jetzt voll auf die Speed-Disziplinen konzentrieren. Vor einem Jahr hab ich nach dem ersten Rennen ständig am Material herumgedoktert, weil ich mit dem damaligen Sölden-Resultat überhaupt nicht zufrieden war.
NEWS: Was erwarten Sie von den Amerika-Rennen?
Maier: Ich hab mich in Amerika immer sehr wohl gefühlt. Die Strecken liegen mir, egal ob in Lake Louise oder in Beaver Creek, ich hab schon überall gewonnen. Die Atmosphäre bei den Rennen ist natürlich nicht mit der in Österreich zu vergleichen. Daheim löst der Skirennsport ja Gott sei Dank noch immer eine gewisse Hysterie aus, die andererseits für uns Athleten manchmal aber auch ganz schön anstrengend sein kann.
NEWS: Wie viel Glück braucht man bei der Wahl des richtigen Skimaterials?
Maier: Am Beginn einer Karriere gehört sicher auch sehr viel Glück dazu. Mein Vorteil seinerzeit war, dass ich praktisch ohne Trainer groß geworden bin, mir alles selbst erarbeitet habe. Andererseits ist meine Erfahrung ein Nachteil, weil ich fast übersensibel geworden bin, was das Material betrifft. Daher fällt es mir oft schwer, mich auf einen neuen Ski oder einen neuen Schuh einzustellen. Früher hab ich meine Technik dem Material angepasst, das war meine große Stärke. Aber wenn man in die Jahre kommt, ist man in dieser Hinsicht sicher nicht mehr so flexibel.
NEWS: Was hat sich im Skirennsport grundsätzlich seit Beginn Ihrer Karriere verändert?
Maier: Mit Sicherheit war die Skitechnik früher entscheidender, weil das Skimaterial viel schwieriger zu fahren war. Wenn einer nicht perfekt am Ski gestanden ist, dann ist er ja kaum um die Kurve gekommen. Das ist mit den Carving-Skiern anders geworden. Damit kannst du viel brutaler fahren. Wenn du heute nur sauber am Ski stehst, bist du zu langsam. Ich versuche daher eine Mischung aus altem Stil und der notwendigen Effizienz. Dafür verwende ich die wahrscheinlich am wenigsten taillierten Skier im gesamten Weltcup. Andere würden mit meinen Skiern nicht mehr um die Kurven kommen.
NEWS: Stimmt es, dass Sie körperlich wieder in jenem Topzustand sind wie vor Ihrem Motorradunfall?
Maier: So, wie es einmal war, wird es nie wieder. Vor allem was die Schnellkraft betrifft, müsste ich viel mehr tun, ich bin ja nicht mehr der Jüngste. Das funktioniert aber wegen der Unfallfolgen nicht. Heuer wollte ich wenigstens ein paar Trainingselemente in diese Richtung einbauen. Und dann hat mir dieser blöde Abflug in Neuseeland wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Folgen dieses Sturzes werd ich wahrscheinlich wieder durch den ganzen Winter mitschleppen.
NEWS: Wie kompensieren Sie die bleibenden Schäden seit dem Motorradcrash?
Maier: Ich muss vieles durch die entsprechende psychische Einstellung wettmachen. Dabei hilft mir, dass ich noch alles im Kopf abgespeichert hab. Das größte Problem aber ist, dass ich ständig an diesen Unfall erinnert werde, wenn ich in einen Skischuh steig. Den rechten muss ich sowieso um zwei Stufen leichter schließen. Trotzdem zwickt's. Daher trag ich den rechten Schuh bis knapp vorm Start offen, die Verschlüsse hängen dann irgendwo herum, und beim Liftfahren bläst der kalte Wind hinein. Dann steh ich am Start, mach die Schnallen zu, patsch, sperrt's mir das Blut ab. Manchmal verliere ich jedes Gefühl für den Ski, er wird für mich fast unfahrbar. Das Rennfahren ist also für mich sehr viel aufwendiger geworden. Bei extremer Belastung geht mein rechter Unterschenkel auf wie ein Strudelteig. Und auch im linken Fuß kann ich nicht mehr so viel Muskelmasse auftrainieren, weil die Nervenstränge teilweise unterbrochen sind.
NEWS: Was treibt einen bald 33-Jährigen trotz dieser Handicaps noch immer in den Skirennsport?
Maier: Ich hab immer den Ehrgeiz gehabt, aus jeder Situation das Beste herauszuholen. Ich hab ja sehr viel Glück, dass ich überhaupt wieder so weit gekommen bin. Vom Skifahrerischen her kann ich auf eine solide Basis zurückgreifen. Daher tu ich mir leichter, je schwieriger der Hang ist. Da zählt auch meine Routine. Andererseits unterscheidet sich meine Technik stark von den jüngeren Fahrern. Die fahren irrsinnig brutal aufs Tor zu. Das bring ich nicht mehr zustande.
NEWS: Kommt der Spaß in einem solchen Trainingslager nicht manchmal zu kurz?
Maier: Unser Erfolgsgeheimnis ist die Mischung aus einer gewissen Lockerheit und der vollen Konzentration auf den Job. Skifahren ist unser Beruf. Gerade in einem so starken Team, wie wir es in Österreich haben, bekommst du als Rennfahrer nicht viele Chancen. Wenn du diese wenigen Chancen nicht nutzt, hast du deinen Beruf verfehlt und solltest dich sofort umschulen lassen. Du hast bei einem Rennen ganz wenig Zeit, die bestmögliche Leistung zu bringen. Es wäre einfacher, wenn ein Lauf zum Beispiel zehn Minuten dauert, da könntest du den einen oder anderen Fehler wettmachen. Das spielt's aber nicht. Du hast höchstens zwei Minuten, in denen du alle deine Leistungsreserven mobilisieren musst.
NEWS: Haben Sie sich vom notorischen Einzelgänger mittlerweile zu einem Teamplayer entwickelt?
Maier: In einem Team profitiert einer vom andern. Jeder hat seine Qualitäten. Wir respektieren einander und schätzen die Erfolge jedes Einzelnen. Und wir motivieren uns gegenseitig zu noch besseren Leistungen.
NEWS: Hat man heute im Gesamtweltcup überhaupt eine Chance, wenn man nicht alle vier Disziplinen fährt?
Maier: Das ist nach wie vor möglich, aber es ist viel schwieriger geworden. Wenn du so wie ich nur in drei Disziplinen startest, brauchst du den ganzen Winter lauter Top-ergebnisse. Ich fühl mich eigentlich nicht mehr stark genug, um mir realistische Chancen auf den Gesamtweltcup auszurechnen. Dafür geht's mit meinen Leistungen seit dem Unfall viel zu sehr auf und ab. Rennfahrer, die wie der Benni oder der Bode Miller auch im Slalom starten, sind heute klar im Vorteil. Ich glaube, dass einer den Gesamtweltcup gewinnt, der auch im Slalom punktet. Dazu kommt, dass die neue Super-Kombi die Slalomspezialisten ganz klar bevorzugt.
NEWS: Wäre ein neuerlicher Olympia-Triumph nicht der ideale Zeitpunkt, aufzuhören?
Maier: In unserem Sport kann so viel passieren, da weißt du nie, was der nächste Tag bringt. Ich denk jetzt nur an den Mario Scheiber, der beim Training in Kanada sehr gut drauf war. Dann legt er einen normalen Lauf hin, und zack! reißt das Kreuzband, ohne dass er überhaupt gestürzt ist. In meinem Fall kommt dazu, dass ich jetzt in einem Alter bin, wo man auch die Verschleißerscheinungen immer deutlicher spürt.
NEWS: Können Sie sich ein Leben ohne Rennfahren überhaupt vorstellen?
Maier: Ich geh auch ganz gern durch den Schnee spazieren. Im Ernst, ganz ohne Skifahren werd ich's nicht lang aushalten. Das ist ein so schöner Sport, der dich wahrscheinlich dein ganzes Leben lang nicht mehr auslässt.
Das komplette Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe von NEWS!
