Elternmord mit 14: Bub erschoss seine Familie offenbar aus einer Laune heraus
- Pozess gegen Jugendlichen beginnt ein Jahr danach
- Hatte bei Hausaufgaben 'auf einmal die Idee' zu Töten
Das Familiendrama erschütterte Frankreich: Offenbar aus einer bloßen Laune erschoss der 14-jährige Pierre am 27. Oktober 2004 seine Eltern und seinen vierjährigen Bruder und fügte seiner Schwester eine schwere Schusswunde zu. Heute startet der Prozess gegen den Jugendlichen. Ihm drohen bis zu zwanzig Jahren Haft. In 31 Jahren Beschäftigung mit Schwerverbrechen habe er noch nie etwas Derartiges gesehen, erklärte Staatsanwalt Joseph Schmit damals mit Tränen in den Augen.
Ein Jahr nach der Bluttat in einem normannischen Dorf kommt der Bub mit dem höflichen Auftreten heute und morgen vor Gericht. Bei dem hinter verschlossenen Türen angesetzten Prozess am Jugendgericht Rouen drohen Pierre bis zu 20 Jahre Haft wegen zweifachen Mordes, vorsätzlicher Tötung und versuchter vorsätzlicher Tötung.
Idee kam bei den Hausaufgaben
Was Pierre an jenem Mittwochnachmittag getrieben haben könnte, die Jagdflinte seines Vaters zu laden und beinahe seine ganze Familie in dem Haus in Ancourteville-sur-Hericourt auszulöschen, ist rätselhaft. Staatsanwalt Schmidt sprach von einer "Furcht erregenden, unverständlichen und unvorhersehbaren Straftat". Weit gehend ungerührt sagte der Bub aus, er habe gerade Hausaufgaben gemacht, als ihm "auf einmal die Idee" gekommen sei, seine Eltern zu töten. Er schritt "sofort zur Tat" - holte das Jagdgewehr, legte eine Kassette mit dem harmlosen Animationsfilm "Shrek" in den Videorekorder im Wohnzimmer und begann den Film anzusehen. Dann lud er die Flinte mit den ersten vier Patronen.
Die Mutter kam vom Spaziergang mit dem kleinen Bruder nach Hause. Pierre erschoss sie mit zwei Kugeln und schleppte ihre Leiche ins Badezimmer. Den vierjährigen Louis schickte er zum Malen auf sein Zimmer. In der Folge schoss er zunächst auf seine elfjährige Schwester Marion, um sie vom Gang ins Badezimmer abzuhalten. Dann erschoss er seinen kleinen Bruder, als dieser zu weinen begann. Schließlich tötete er auch den heimkehrenden Vater mit zwei weiteren Patronen.
Schwester konnte sich retten
Das tödliche Drama zog sich offenbar über rund zweieinhalb Stunden von 15.00 bis 17.30 Uhr hin. Zwischendurch kehrte Pierre immer wieder zurück zu seinem Film. Anschließend schloss er das Haus ab und floh mit einem Fahrrad. Etwa 15 Kilometer entfernt wurde er in einer Telefonzelle festgenommen, von der aus er sich bei der Gendarmerie gemeldet hatte. Von ihm unbemerkt, konnte sich seine Schwester Marion mit einer Schusswunde in der Brust aus dem Badezimmerfenster fliehen, sich zu Nachbarn retten und die Polizei alarmieren.
Bei Verhören sagte Pierre später, seine Mutter habe ihn oft mit einem hölzernen Kochlöffel geschlagen - etwa, wenn er sein Bett nicht richtig gemacht oder seine Schulaufgaben vergessen habe. Der Bub gab zudem an, er habe anfangs nur seine Mutter töten wollen, sei dann aber von der Ereignissen "überwältigt" worden.
Nachbarn sind fassungslos
Staatsanwalt Schmit sah in den "körperlichen und geistigen Misshandlungen" den "Anfang einer Erklärung" für das entsetzliche Verbrechen. Dabei hatte Pierre als netter Bursch gegolten, der niemals aufgefallen war; Probleme seiner Familie waren nicht bekannt. Beamte transportierten noch in der Nacht nach dem Drama die drei blutüberströmten Leichen ab, die im Haus verteilt gelegen hatten. Die Nachbarn waren fassungslos, der damalige Justizminister Dominique Perben sprach erschüttert von einer "scheußlichen Affäre".
Kinderpsychiater untersuchten Pierre mehrfach und bescheinigten ihm ein uneingeschränktes Urteilsvermögen; damit kann dem Bub nun der Prozess gemacht werden. Allerdings habe er zum Zeitpunkt des Verbrechens unter einer "bedeutenden Zerrüttung der geistigen Fähigkeiten" gelitten. Seine Eltern und sein kleiner Bruder wurden im Familienkreis beigesetzt. Ihre Leichen waren zuvor obduziert worden. Dabei sahen die Ermittler den Tathergang bestätigt, wie ihn Pierre selbst beschrieben hatte. (apa)
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