Freitag, 25. November 2005

"Nestroy"-Preise wurden verliehen: Michael
Heltau erhilt Auszeichnung für Lebenswerk

  • Sunnyi Melles als beste Schauspielerin ausgezeichnet
  • Dancing Star Stefano Bernadin ist bester Nachwuchs

Ein "Hunt" kam ins Theater und stahl den Stars die Show: Am Ende hatte eine kleine Theaterinitiative aus dem tiefsten oberösterreichischen Hausruck ("Hunt oder Der totale Februar") zwei Auszeichnungen und die von zwei Hochkultur-Bastionen gemeinsam produzierte und mit Stars gespickte Jubiläumsjahr-Inszenierung ("König Ottokars Glück und Ende") nur eine halbe. Das war die größte Überraschung der sechsten "Nestroy"-Gala, die gestern, Samstag, Abend, im Wiener Volkstheater zelebriert wurde, und bei der der Preisregen in elf Kategorien gleichmäßig verteilt über die wesentlichen Bühnen niederging.

Emotionen waren häufig im Spiel - und sorgten bei der "Oscar"-liken Bekanntgabe der Gewinner für die spannendsten Momente des Abends. Sunnyi Melles (für ihre Trafikantin "Valerie" in "Geschichten aus dem Wiener Wald" zur Besten Schauspielerin gekürt) hauchte unter Tränen "Ich bin so glücklich" und meinte: "Das ist für dich, Mama!" - "Jetzt hab ich ihn endlich, jetzt hab ich ihn aber nicht alleine", bedauerte Michael Maertens den Umstand, dass er überraschend die Auszeichnung als "Bester Schauspieler" mit Nicholas Ofczarek teilen musste, und bezog den ebenfalls nominierten Tobias Moretti, seinen Bühnen-Partner als Ottokar, mit ein: "Das ist aber auch gemein für Tobias, da hätte man gleich drei machen können!" Ofczarek musste dagegen den Schrecken verdauen, im Programmheft mit dem Geburtsort Oberfranken ("Wo auch immer das ist") angeführt zu sein: "Vielleicht bin ich ein Findelkind?"

ORF-Mittänzer Stefano Bernadin freute sich über seinen Nachwuchs-Preis, die 78-jährige Erni Mangold über ihren Nebenrollen-"Nestroy" und bedankte sich mit einer launigen Rede: "Es wäre ja auch geweint gewesen, hätte ich ihn nicht bekommen." Abgeklärter war da der 72-jährige Chansonnier, Entertainer, Schauspieler und Burgtheater-Doyen Michael Heltau, der mit dem "Lebenswerk"-Preis ausgezeichnet wurde: "Lebenswerk? Ich sage für mich lieber Lebensarbeit."

Für viele überraschend ging "Ottokar"-Regisseur Martin Kusej leer aus: Der Preis in der Regie-Kategorie ging an den Schweizer Christoph Marthaler für seine Wiener Festwochen-Produktion "Schutz vor der Zukunft", die im Rennen um die "Beste deutschsprachige Aufführung" allerdings Andreas Kriegenburgs Münchner "Nibelungen"-Inszenierung unterlag. Marthaler war als einziger Preisträger nicht selbst anwesend, den Preis nahm Salzburgs künftiger Konzertchef Markus Hinterhäuser entgegen, der bei der Produktion mitgewirkt hatte.

Die "Beste Ausstattung" hatte nach Ansicht der Nestroy-Akademie die Serapionstheater-Produktion "Xenos", der "Spezialpreis" ging an die Produktion "Hunt oder Der totale Februar" des Theaters im Hausruck als exemplarische regionale Initiative. Als Empfänger des "Off"-Preises stand das Wiener Rabenhoftheater ebenso bereits fest wie Autor Franzobel als Autorenpreisträger für "Hunt", einem Stück über die Februarkämpfe des Jahres 1934 im Hausruck.

Franzobel sorgte mit seiner Dankesrede für den einzigen politischen Akzent des Gala-Abends. "Solange in Österreich Menschen von Notärzten und Sanitätern zu Tode getrampelt werden, solange Asylbewerber erstickt werden, dürfen wir nicht glauben, dass unsere Gesellschaft so glamourös und witzig ist, wie sie sich heute Abend vielleicht darstellt." Auf der "Straße der Sieger" in Wien finde man "nur Abdrücke von Sportlern, nicht aber von Leuten, die ihren Kopf für die Demokratie hin gehalten haben". Und der Umstand, dass "Hollywood-Star Bruce Willis jüngst allen Ernstes für die Ergreifung der Al Kaida-Führung ein Kopfgeld von einer Mio. Dollar ausgesetzt hat", "möchte mich fast dazu verführen, diese Gelegenheit zu benützen, eine ebenso hohe Summe auf George Bush auszusetzen. Oder auf Bruce Willis? Oder auf alle Leute, die Kopfgelder aussetzen und das dann mit politischem Engagement verwechseln?"

Insgesamt versuchte der von Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg konzipierte und von ihm gemeinsam mit seiner Ehefrau Maria Bill moderierte Abend im Bühnenbild von Nestroys "Freiheit in Krähwinkel" (Koordination und Bühnenbild: Hans Kudlich) mit Augenzwinkern und zahllosen Umzügen mit theatralen Versatzstücken zu spielen. Auch wenn die Moderationen (Textbeiträge: Ernst Molden) manchmal an Witz, Pointiertheit und Lockerheit zu wünschen übrig ließen, war die von Tini Kainrath und Band musikalisch begleitete Veranstaltung doch insgesamt angenehm unpeinlich.

Beim anschließenden Fest im Wiener Rathaus konnten sich fast alle Intendanten und Festivalleiter freuen, so gleichmäßig waren die Preise verteilt worden. Leer gingen bloß die Chefs des Theaters in der Josefstadt aus. Dessen derzeitiger Leiter Helmuth Lohner war an diesem Abend von Zahnweh geplagt, sein designierter Nachfolger Herbert Föttinger sei jemand, "der die Tradition im Auge und die Zukunft noch vor sich" habe, zitierte Schottenberg in seiner Moderation genüsslich Pressemeldungen. Ein Wiener Theaterpreis ohne zarte Boshaftigkeiten? Undenkbar!

Alle Auszeichnungen
* Beste Deutschsprachige Aufführung: "Die Nibelungen" (Insz.: Andreas Kriegenburg, Münchner Kammerspiele)
* Beste Regie: Christoph Marthaler
* Beste Schauspielerin: Sunnyi Melles
* Bester Schauspieler: Ex aequo Michael Maertens und Nicholas Ofczarek
* Bester Nachwuchs: Stefano Bernadin
* Beste Nebenrolle: Erni Mangold
* Beste Ausstattung: Team Kaufmann & Piplits für "Xenos"
* Beste Off-Bühne: Rabenhof
* Spezialpreis: Produktion "Hunt oder Der totale Februar"
* Bestes Stück/Autorenpreis: Franzobel: "Hunt oder Der totale Februar"
* Lebenswerk: Michael Heltau
(apa)

25.11.2005 22:18