Mozarts letzte Rätsel: Legendenumwobenes
Manuskript weilt in der Nationalbibliothek
- Requiem: Wer war der unbekannte Auftraggeber?
- Krimi um Diebstahl, Fälschung und Mordverdacht

Die Nationalbibliothek zeigt bis 29. 1. das legendenumwobene letzte Manuskript des Jubilars. Ein Krimi um Diebstahl, Fälschung, Habgier und Mordverdacht. Das härteste Panzerglas, das selbst Maschinengewehrfeuer trotzen würde, ist gerade sicher genug, wenn die Österreichische Nationalbibliothek ihr kostbarstes Exponat aus dem Tresor holt. Musikgeschichte, Mythos, kriminalistisches Umfeld und die Leuchtkraft der Marke Mozart multiplizieren einander: Das "Requiem", die letzte Komposition des im kommenden Jahr bis zum Abwinken Gefeierten, ist zur Betrachtung freigegeben.
Zwei schmale Bändchen - die so genannte Arbeits- und die Ablieferungspartitur -, gebunden in blaufleckigen Karton, in Leder eingeschlagen und durch einen Schuber geschützt. Legenden, gelöste und ungelöste Rätsel umranken die Totenmesse.
Rätsel Nr. 1: Es fehlt ein Eck
Das bis dato letzte Geheimnis um die Originalpartitur datiert aus dem Jahr 1958. Als sich Österreich bei der Brüsseler Weltausstellung als Kulturnation präsentieren wollte, sandte man die Partitur des Requiems eilfertig außer Landes. Drei Wochen nach Heimkehr des wertvollen Stücks allerdings entdeckte der damalige Leiter der Musiksammlung, Leopold Nowak, dass ein Fleckchen Notenblatt in der Arbeitspartitur fehlte. Und das, auf dem die wohl letzten geschriebenen Worte Mozarts standen, die Da-capo-Anordnung "quam olim d:c:" für die "Quam olim Abrahae"-Fuge. Wer dieser "Privatsammler" (der heutige Sammlungsleiter Thomas Leibnitz, ironisch) war, konnte nie herausgefunden werden. Die Fahndung endete ergebnislos.
Der Kriminalfall um das Requiem inspirierte Gerhard Roth zum Roman "Der Plan", in dem ein Beamter die Mozart-Reliquie entwendet, um sie nach Japan zu verschachern.
Rätsel Nr. 2: Der Auftraggeber
Die Mutter aller Requiem-Legenden betrifft den geheimnisvollen Boten, der Mozart den anonymen Auftrag für eine Totenmesse überbrachte und den Schwerkranken damit in eine existenzielle Angstkrise stürzte. Heute weiß man, dass dieser Bote ein Abgesandter des Grafen Franz Walsegg-Stuppach war.
Leibnitz: "Ich nehme an, Mozart hat durchschaut, weshalb jemand anonym bei ihm bestellte. Dass er die Bestellung eines Requiems auch auf seinen Gesundheitszustand bezogen hat, ist aber trotzdem möglich." Schon der erste Biograf Mozarts, Franz Xaver Niemetschek, nährte 1798 den Gruselmythos. Leibnitz: "Er lässt Mozart sagen: ,Habe ich es nicht vorhergesagt, dass ich dies Requiem für mich schreibe?' Oder: ,Gewiss, man hat mir Gift gegeben.' Das Problem der Biografik dieser Zeit ist allerdings, dass zwischen Authentischem und Phantasie schwer zu unterscheiden ist." Tatsächlich gibt es kein Schriftstück Mozarts, in dem er sich über das Requiem äußert.
Dass Mozart von rheumatischer Polyarthritis dahingerafft wurde und nicht von "acqua toffana" (einem Langzeitgift aus Arsen und Blausäure), gilt heute als erwiesen. Hofkapellmeister Antonio Salieri war es garantiert nicht. Zwar hat er sich des Mordes tatsächlich bezichtigt, allerdings im Wahn. Nötig hatte er es keinesfalls, den minder erfolgreichen Mozart ums Eck zu bringen.
Rätsel Nr. 3: Was ist von Mozart?
Um ins Requiem-Business einsteigen zu können, musste Constanze allerdings eine komplette Partitur in Händen halten. Mozart aber hinterließ fast nur die Chorsätze. Leibnitz: "Schon ab dem ,Dies Irae' und in der Kyrie-Fuge nimmt man an, dass die Instrumentalstellen nicht von Mozart sind. Im Lacrymosa' bricht seine Handschrift ab. Danach sind auch die Chorstellen nicht mehr von ihm." Also mussten andere Musiker an die Partitur.
Für neue Zweifel und Attraktionen bleibt da breiter Raum. Die Zeitung "Le Monde" berichtete von der Entdeckung einer alternativen Fassung des Haydn-Schülers Sigismund Ritter von Neukomm. Eine CD-Einspielung im Jänner soll dem Mozartjahr den nächsten Kick vermitteln.
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