Dienstag, 22. November 2005

Bis zu 70 Zentimeter Neuschnee: Erste Warnung vor Lawinenabgängen in Tirol

  • PLUS: 48 Lawinen-Tote in vergangener Saison

Nach dem ersten Schnee haben die Experten des Tiroler Lawinenwarndienstes am Dienstag zum ersten Mal in diesem Winter auf die Gefahr durch Schneebretter verwiesen. Vor allem im Osten Nordtirols hatte es in den vergangenen 48 Stunden zum Teil ergiebigen Neuschneezuwachs von bis zu 70 Zentimetern gegeben.

Am meisten schneite es in den östlichen Nordalpen sowie den Kitzbüheler Alpen. Im Arlberggebiet und Außerfern, der Silvretta und dem Samnaun, den nördlichen Ötztaler und Stubaier Alpen waren es zwischen 15 und 30 Zentimeter, in den südlichen Ötztaler und Stubaier Alpen, den Tuxer und den Zillertaler Alpen schneite es hingegen meist zwischen 20 und 40 Zentimeter. Osttirol blieb mit Ausnahme der Osttiroler Tauern, wo es maximal zehn Zentimeter Neuschneezuwachs gab, niederschlagsfrei.

Sowohl die Neuschneeschicht, die auf Grund starker Windtätigkeit insbesondere in Rinnen und Mulden bzw. in Kammnähe deutlich mächtiger abgelagert wurde, als auch eine bereits vom September bzw. Anfang Oktober stammende Altschneedecke in sehr steilen schattseitigen Hängen oberhalb etwa 2.600 Metern könne als mögliche Gleitflächen für Lawinen dienen.

In tieferen Lagen sei vor allem in den neuschneereichen Regionen im Osten Nordtirols mit dem vermehrten Abgleiten von Schneemassen aus sehr steilen glatt strukturierten Hängen, also z.B. Wiesenhängen, zu rechnen. Dabei steige die Wahrscheinlichkeit des Abgleitens mit der zunehmenden Durchfeuchtung der Schneedecke im Tagesverlauf. Hochalpin gehe hingegen eine Lawinengefährdung von frisch gebildeten Triebschneeansammlungen aus. Überall dort, wo Bodenunebenheiten durch eine Altschneedecke bereits überdeckt wurden, also z.B. in eingewehten Rinnen und Mulden, in Kammnähe aller Hangrichtungen sowie allgemein in sehr steilen schattseitigen Hängen oberhalb etwa 2.600 Metern, könnten bereits durch geringe Zusatzbelastung Schneebrettlawinen ausgelöst werden.

48 Lawinen-Tote in vergangener Saison
In der vergangenen Saison sind in Österreich 48 Menschen durch Lawinen ums Leben gekommen, das war die höchste Zahl seit mehr als 30 Jahren. Nur jeder dritte Skiläufer, der die gesicherten Pisten verlässt (Variantenfahrer), und nur zwei Drittel der Tourengeher sind mit Lawinen-Verschütteten-Suchgeräten - einem "Piepserl" - ausgerüstet, kritisierte am Montag die österreichische Bergrettung.

Viele Unfälle könnten zwar durch genügend Kenntnisse im Schneedeckenaufbau und in der Wetterkunde vermieden werden, dennoch werde es nie eine hundertprozentige Sicherheit geben, betonte Lawinen -Referent Walter Würtl am Montagabend in Wien. Deshalb sei eine entsprechende Ausrüstung unbedingt nötig. Folgende Gegenstände sollten immer mitgeführt werden: ein Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS), eine zerlegbare Stabsonde und eine zerlegbare Lawinenschaufel für die schnelle Kameradenhilfe.

Das Mitführen dieser Ausrüstung sei deshalb so notwendig, weil professionelle Helfer nach einem Lawinenunglück auch Zeit brauchen, bis sie am Einsatzort sind. Die Überlebenschance eines Verschütteten sinke aber schon nach etwa 15 bis 18 Minuten drastisch, so dass die Hilfe durch andere Variantenfahrer oder Tourengeher oft die einzige Rettung wäre, sagte Gerald Lehner, Sprecher der Bergerettung. Nach 30 Minuten seien bereits die Hälfte und nach 45 Minuten rund drei Viertel aller Verschütteten in der Lawine verstorben.

Haben Verschüttete kein "Piepserl" bei sich, müssten oft Suchhunde eingesetzt werden. Trotz großer Erfolge der vierbeinigen Retter könnten dennoch längst nicht alle Verschütteten gefunden werden. Bei vielen Einsätzen bleibe dann nur noch das aufwendige Absuchen des Lawinenkegels mittels Sonden durch die organisierten Helfer, sagte der Lawinen-Referent.

Dafür seien sehr viel Zeit und große Teams nötig. Dutzende Bergretter, Alpinpolizisten und Bundesheersoldaten stehen dann - mitunter auch mehrere Tage - auf dem Lawinenkegel, letztendlich um Tote auszugraben.
(apa)

22.11.2005 10:04