Mittwoch, 16. November 2005

Selbstmord als Waffe

  • Paradies statt Hölle daheim. Warum Menschen sich und andere in die Luft sprengen? Rache und Glaube an falsches Heil.

In Wien fordern die Führer der islamischen Welt zum Kampf gegen den Terror auf. Doch Selbstmordkommandos bomben weiter.
Selbstmordattentäter sind die furchtbarste Waffe des Terrors. Warum sie den Tod suchen und dabei ans Paradies glauben.

Wir hatten zwei Sprengstoffgürtel. Shimari, mein Mann, trug einen, der andere war für mich.“ Ohne jede Regung beschreibt die 35-jährige Sajida Rischawi im Fernsehen „ihren“ Anschlag auf die jordanischen Luxushotels vergangene Woche. Die verhinderte Attentäterin schildert gelassen, wie sie wieder und wieder den Zündknopf betätigte, aber nichts geschah. Und ebenso ungerührt beschreibt sie, wie ihr Mann von seiner Bombe in Stücke gerissen wurde und mit ihm die Gäste der Hochzeitsfeier im SAS Radisson Hotel. Während der TV-Aufzeichnung trägt sie ihren Sprengstoffgürtel um den Bauch. 57 Tote forderte der Selbstmordanschlag auf drei Hotels in Amman. Sajida Rischawi scheint dies nicht aus der Fassung zu bringen. Weder der Tod der Unschuldigen noch der Tod ihres Mannes. Nicht einmal ihr eigenes Überleben.

Jenseits des Begreifens. Warum sie es getan hat? Die Frau überlässt ihrer Biografie die Antwort. Sie stammt aus der Stadt Ramadi, einem der irakischen Widerstandszentren gegen die US-Besatzung, und ist Schwester eines der Führungsköpfe um Abu Musab al-Zarqawi. Mit seiner „al-Qaida Irak“ hat Terrorpate Zarqawi die Nachfolge von Osama bin Laden angetreten und den in Afghanistan begonnenen Feldzug, den „heiligen (Terror-) Krieg“, im Irak fortgesetzt. Er rekrutiert Freiwillige im gesamten Nahen Osten und in Europa. Überall dorthin trägt er auch seinen Terror. „Wir kämpfen gegen die Besatzung. Wir Muslime sind im Krieg“, erklärte die Attentäterin von Amman.

Nur wenige Tage nach dem verheerenden Anschlag in Jordanien waren Würdenträger und Staatschefs der islamischen Welt um Schadensbegrenzung bemüht. „Terror im Namen des Islam entstellt unsere Religion“, betonten sie bei der Wiener Mammutkonferenz „Islam in a Pluralistic World“. Genauso wie sie haben vergangene Woche auch Tausende von muslimischen Jordaniern gegen Bomben und Terror auf den Straßen Ammans protestiert. Genauso haben im Sommer 500 Vorsteher von Moscheen in Großbritannien mit einer „Fatwa“, einem Rechtsgutachten, die Anschläge im U-Bahn-Netz von London als Angriffe gegen den Islam verurteilt.

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16.11.2005 16:56