Töten im Irak geht weiter: Neuerlicher Selbstmordanschlag - mindestens 30 Tote
- US-Repräsentantenhaus stimmt gegen Truppenabzug
- Saddam-Prozess geht am 28. November weiter
Vier Wochen vor der Parlamentswahl im Irak nimmt die Zahl der blutigen Anschläge auf Zivilisten zu. Bei einem neuerlichen Selbstmordanschlag auf Schiiten wurden Samstag mindestens 30 Menschen getötet. Nach Polizeiangaben raste der Attentäter in der Ortschaft Abu Saida nahe von Baakuba mit seinem Auto in ein Zelt, in dem eine schiitische Familie eine Trauerzeremonie für einen verstorbenen Angehörigen abhielt.
Bei einem Anschlag auf einen belebten Markt in Bagdad starben am Samstag 13 Menschen. Erst am Vortag gab es bei Anschlägen auf zwei schiitische Moscheen 78 Tote. In Kairo begann unterdessen ein Versöhnungstreffen der irakischen Volksgruppen.
Bei dem Anschlag auf das Trauerzelt wurden nach Polizeiinformationen mindestens 40 Menschen verletzt, unter ihnen der Chef des Stadtrats von Abu Saida. Wie Augenzeugen berichtete, hatte die schiitische Familie Sraiwi das Zelt errichtet, um Trauergäste für einen am Freitag verstorbenen Angehörigen zu empfangen. Derartige Trauerzelte sind im Irak üblich.
Abu Saida liegt in der Provinz Dijala etwa 90 Kilometer nördlich von Bagdad. Die Zahl der Toten bei den Anschlägen auf die Moscheen im eine Stunde entfernten Chanekin am Vortag stieg unterdessen auf 78. Insgesamt starben im Irak innerhalb von drei Tagen mehr als 130 Menschen bei Anschlägen.
In der Hauptstadt Bagdad starben am Samstag bei der Explosion von zwei Autobomben innerhalb von 90 Minuten mindestens 13 Menschen, mehr als 20 wurden verletzt. Die schwerere der beiden Explosionen richtete auf einem belebten Markt im Viertel Dschisr Dijala ein Blutbad an, wie das Innenministerium mitteilte. Eine in einem parkenden Auto versteckte Bombe habe 13 Menschen getötet und etwa 20 verletzt. Die zweite Explosion, die offenbar einer Polizeipatrouille galt, tötete niemanden. Sie verletzte drei Polizisten und zwei Zivilisten.
Bei einem bewaffneten Überfall auf eine Straßensperre der Polizei starben in der Stadt Baakuba zwei Polizisten und ein Zivilist. Nach Behördenangaben überfielen bewaffnete Männer die Straßensperre in der Nähe eines Krankenhauses und schossen um sich. Fünf Menschen seien verletzt worden. Die Angreifer hätten auch drei Raketen auf die Sperre abgefeuert.
Die US-Armee teilte unterdessen mit, irakische Soldaten hätten einen Anschlag auf die italienische Botschaft in Bagdad vereitelt. Bei einer Razzia am Donnerstag seien fünf mutmaßliche Drahtzieher festgenommen worden. Zwei Autos, die bei dem Anschlag eingesetzt werden sollten, seien beschlagnahmt worden.
Unter Vermittlung der Arabischen Liga begann in der ägyptischen Hauptstadt Kairo ein dreitägiges Treffen, bei dem Vertreter der irakischen Volksgruppen über die Versöhnung zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden beraten wollten. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak sagte zur Eröffnung, eine Verständigung der Volksgruppen untereinander sei eine "unverzichtbare Vorbedingung" für einen Abzug der USA aus dem Irak.
Die Gespräche in Kairo sollen den Weg ebnen für eine größere Versöhnungskonferenz der Volksgruppen im Irak. Zu dem Treffen in Ägypten reisten nach Angaben der Arabischen Liga auch Vertreter der Baath-Partei und der früheren sunnitischen Elite des Irak an, die sich nun politisch benachteiligt fühlen. Iraks Präsident Jalal Talabani, ein Kurde, war bei der Eröffnungssitzung anwesend.
Bush gegen Truppen-Abzug
US-Präsident George W. Bush hat erneut alle Forderungen nach einem schnellen Truppenabzug aus dem Irak zurückgewiesen. "Wir werden die Terroristen im Irak bekämpfen und wir werden weiterkämpfen, bis wir den Sieg errungen haben", sagte Bush am Samstag vor US-Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Osan in Südkorea. Amerika werde sich nur mit einem vollständigen Sieg zufrieden geben und "nicht nachgeben", bis die Terrornetzwerke zerstört und ihre Anführer außer Gefecht gesetzt seien.
Klares Votum gegen einen Abzug
403 US-Abgeordnete stimmten in Washington gegen den Abzug und nur drei dafür. Die nicht bindende Resolution war von der Republikanischen Partei von Präsident Bush eingebracht worden, nachdem führende Demokraten in den vergangenen Tagen einen Zeitplan für den Truppenrückzug gefordert hatten. Die Demokraten nannten die Resolution einen politischen Trick der Republikaner. Vorausgegangen war der öffentliche Aufruf des einflussreichen demokratischen Abgeordneten John Murtha (73) zu einem schnellen, aber nicht sofortigen Truppenrückzug aus dem Irak.
Der hochdekorierte Vietnamkriegsveteran sprach von einem Krieg, auf den die USA nicht vorbereitet wären. Es sei klar, dass die Anwesenheit der US-Truppen im Irak "den Feind gegen uns vereint", hatte der prominente Demokrat in einer sehr emotionalen Rede gesagt. Republikanische Abgeordnete warfen dem ehemaligen Elitesoldaten Murtha daraufhin Feigheit und eine Politik des Davonlaufens vor. Die schnell eingebrachte Resolution sollte nach den Worten von US- Fernsehkommentatoren öffentlich zeigen, dass Murtha mit seiner Forderung in der eigenen Demokratischen Partei keine Mehrheit hat.
Saddam-Prozess geht am 28. November weiter
Der am 19. Oktober begonnene Prozess gegen den irakischen Ex-Präsidenten Saddam Hussein soll wie geplant Ende November fortgesetzt werden. Alles sei vorbereitet, um das Verfahren am 28. November fortzusetzen. Nach der Ermordung von zwei Anwälten der Verteidigung hatten die Verteidiger Anfang des Monats angekündigt, das Verfahren zu boykottieren. Bei einem Schuldspruch wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie Kriegsverbrechen droht Saddam Hussein die Todesstrafe.
(apa/red)
