Mittwoch, 16. November 2005

Blutlachen auf den Stiegen, Gedärme auf den
Schauspielern: Nitsch-Aktion im Burgtheater!

  • Süßlicher Geruch von Blut und Fleisch im Gebäude
    Putzfrauen müssen den Blutspuren hinterherwischen
  • KLICKEN: Die BILDER der blutigen Nitsch-Aktion
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Auf den Stiegen Blutlachen, Sitze und Tapeten abgedeckt zum Schutz des ehrwürdigen Hauses: Das Wiener Burgtheater wurde vom Aktionskünstler Hermann Nitsch mit der 122. Aktion seines Orgien Mysterien Theater bespielt. Ein Orgelakkord dröhnte permanent durch das Burgtheater, eine Blaskapelle marschierte durch die Gänge und vor der Bühne nahm immer wieder die Junge Philharmonie Wien Platz. Und auch der übelerregend süßliche Geruch des Blutes und des Fleisches gemahnte beständig an die in den verschiedenen Teilen des Hauses ablaufenden Aktionen.

Nackte Menschen auf leinwandweißen Bahren wurden mit Gedärmen beladen über die Stiegen getragen und zu lebenden Bildern stilisiert. Kreuze und Lanzen lieferten die symbolbeladene Bildsprache des nonverbalen Theaters des Hermann Nitsch, der die Abläufe stumm, eingreifend nur mit seiner Trillerpfeife, beobachtete.

Mit gereckten Hälsen versuchte man Anfangs, Blicke zu erhaschen. Doch dann verstreute sich das Publikum (1.200 Karten waren aufgelegt und sofort verkauft worden) im ganzen Haus. Im Zuschauerraum war das Geschehen geruchsneutral gemütlich aus dem Theatersessel zu beobachten, während die nackten Akteure auf den ungeheizten Stiegen unter den Kadavern vor Kälte zitterten. Und hinterher versuchten die Putzfrauen, den Blutspuren am Parkett Herr zu werden.

Gelassen wurde das Treiben sowohl im als auch vor dem Haus aufgenommen, so dass die stämmigen Security-Menschen, die Nitsch auf Schritt und Tritt verfolgten zwischen den rund 80 weißgewandeten Akteuren grotesk wirkten. Im Pausenfoyer bildeten sich fröhlich plaudernde Zuschauer-Grüppchen bei Wein und Essen, das allerdings beides nicht wie in Prinzendorf üblich gratis verteilt wurde.

Den Höhepunkt der Aufführung stellte ein (schon vorher in der Metzgerei) geschlachteter Stier dar, der um das Burgtheater getragen wurde - vorbei am bunten Christkindlmarkt. Es ist das Aufeinandertreffen dieser unterschiedlichen Welten - Orgien Mysterien Theater, die altehrwürdige Burg und der Touristenkitsch - die der Aktion ihre spezielle Konotation gaben und auch den Blick auf das, was sonst in diesen heil'gen Repräsentationskunsthallen gespielt wird, schärften. (apa)

16.11.2005 13:15