Mittwoch, 9. November 2005

Paris in Flammen

  • Jahrzehntelang gärte es in den Vorstädten. Jetzt explodieren sie.

Notstand in Frankreich: Seit 13 Tagen brennt es jede Nacht in Paris und 300 anderen Städten. NEWS-Reporterin Petra Ramsauer berichtet aus der neuen Alptraum-Stadt Europas.
Die Jugend erklärt Frankreich den Krieg. Keine Jobs, miese Wohnungen, keine Zukunft – darum eskaliert die Gewalt.

Karim ist 18 – und hat die Macht. Seit er vor mehr als einer Woche zum ersten Mal in der Nacht losgezogen ist und ein Auto in die Luft gesprengt hat, spürt er sie. Diese Macht fährt Karim – und solchen wie ihm – in die Glieder wie eine Droge. In den ersten Tagen der französischen Jugendkrawalle waren es ein paar Dutzend brennende Autos pro Nacht, eine Woche später waren es Tausende. Am Anfang waren es ein paar Jugendliche. Jetzt sind es Tausende.

Frankreich ist im Ausnahmezustand und zittert vor solchen wie Karim. Er – und solche wie er – erhöhen täglich die Dosis der Droge Macht. „Mehr Autos, Häuser, Schulen, Kirchen müssen brennen. Wir dürfen nicht aufhören. Sonst hören sie wieder weg. Sonst sind wir wieder weg: aus den Schlagzeilen, aus dem Gewissen der Politiker.“ Karim brüllt die letzten Worte. Dann lacht er wieder, wie im Rausch. Er und sein Freund, der 16-jährige Mahmadou, lehnen an der Wand eines heruntergekommenen Einkaufszentrums im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois. „Atac“ heißt bezeichnenderweise das Geschäft hinter ihnen. „Attacke“ ist die Losung von Karim und Mahmadou. Plötzlich wittern sie so etwas wie eine Chance: so etwas wie Revolution.

Eine Intifada der zukunftslosen Jugendlichen. Losschlagen, brandstiften, damit sich irgendetwas ändert: Sie haben keine Forderung. Sie wollen laut sein und warten hier, in einer Gegend, wo afrikanische Trachten, Hemdmäntel und Verwahrlosung das Straßenbild prägen, wie vor einer Bühne auf die Nacht. Auf ihre Vorstellung. „Denn geht’s wieder los“, ereifert sich Karim und nimmt sein Mobiltelefon aus der Tasche. Fotos hat er gemacht von den brennenden Autos. Er ist stolz auf die Beute seiner Wut. „So was sieht man überall auf der Welt! Jetzt begreifen sie, dass wir uns nicht mehr länger gedulden.“

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9.11.2005 16:03