Dienstag, 8. November 2005

Causa Seledec: Mailath-Pokorny fordert nach Kranzniederlegung Konsequenzen!

  • Seledec als ORF-Chefredakteur "untragbar"
  • FPÖ-Chef Strache sieht "unglaubliche Hetzkampagne"

Konsequenzen in der Causa Seledec fordert der Wiener Kultur- und Wissenschaftsstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S). Nachdem Walter Seledec, zentraler Chefredakteur im ORF, seinen Namen als Ehrengast bei der Kranzniederlegung am Grab des NS-Fliegers Walter Nowotny hergegeben habe, stünde es "allen, vor allem dem ORF, gut an, die Konsequenzen zu ziehen", sagte Mailath-Pokorny.

Seledec sei als Chefredakteur mit zentraler Verantwortung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk "untragbar". Mailath-Pokorny erinnerte daran, dass die Stadt Wien der Grabstätte des NS-Luftwaffenoffiziers Walter Nowotny am Zentralfriedhof vor zwei Jahren den Status des Ehrengrabes aberkannt hat. Der Beschluss fiel auf Antrag der Grünen im Gemeinderat mit den Stimmen von Grünen und SPÖ. Die FPÖ hatte damals heftig protestiert und Nowotny - der im Zweiten Weltkrieg mehr als 250 Flugzeuge der Alliierten abgeschossen hatte - als "hervorragenden Soldaten" bezeichnet.

Strache sieht "unglaubliche Hetzkampagne"
FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sieht in der Debatte um Walter Seledec, Zentraler Chefredakteur des ORF, eine "unglaubliche Hetzkampagne gegen einen untadeligen ORF-Redakteur". Seledec werde "Opfer einer politischen Verfolgung", so Strache. Die "jüngste Medienkampagne" sei "der Gipfel der Geschmacklosigkeit".

Anlass für die Aufregung rund um Seledec war seine Teilnahme an einer Kranzniederlegung am Grab des hoch dekorierten NS-Luftwaffenoffiziers am vergangenen Sonntag, wo er laut "Presse" auch als Ehrengast via Lautsprecher begrüßt wurde. Strache betonte am Dienstag, Seledec habe als "Privatperson" teilgenommen. Er verwies darüber hinaus auf die hohen Auszeichnungen der Republik, die der Chefredakteur in den vergangenen Jahren erhalten habe: Die damalige Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (V) habe ihm das silberne Ehrenzeichen der Republik überreicht, Kunststaatssekretär Franz Morak (V) den Berufstitel "Professor".

Nachdem die "Presse" berichtet hatte, dass Seledec vergangenen Sonntag Ehrengast bei der Kranzniederlegung war, forderte am Montag bereits der Redakteursrat des ORF die ORF-Geschäftsführung auf, den Chefredakteur "mit sofortiger Wirkung" von "allen journalistischen Aufgaben" zu entbinden. Medienberichten und APA-Informationen zufolge könnte die Causa durch die Pensionierung des 60-jährigen Seledec gelöst werden.

ORF-Journalisten drängen auf Konsequenzen
Der ORF-Redakteursausschuss als Gremium sämtlicher Redakteurssprecher aus allen Bereichen des ORF hat erneut die Enthebung des Zentralen Chefredakteurs Walter Seledec von allen seinen journalistischen Aufgaben gefordert. Man erwarte von der Geschäftsführung, "die eingeleiteten Untersuchungen so rasch als möglich zu einem eindeutigen Ende zu bringen und per sofort dafür zu sorgen, dass Walter Seldec nicht öffentlich als ORF-Repräsentant in Erscheinung tritt", hieß es in einer Aussendung.

Als Beispiel wurde die Eröffnung des neuen ORF-Büros in Brüssel am Mittwoch genannt. Zu Seledec' Aufgaben gehört auch die Koordinierung der ORF-Auslandskorrespondenten.

Auch nach Ansicht der SPÖ ist Seledec "als zentraler Chefredakteur im ORF untragbar geworden", so SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos. Der Grüne ORF-Stiftungsrat Pius Strobl forderte am Dienstag in Medien ebenfalls die Enthebung des Chefredakteurs. Schützenhilfe für Seledec war am Montag vom Wiener FPÖ-Stadtrat Johann Herzog gekommen, der eine "Menschenhatz des ORF" ortete. (apa/red)

8.11.2005 11:40