Sonntag, 23. Oktober 2005

Flugzeugunglück in Nigeria: Maschine mit
117 Menschen an Bord nach Start abgestürzt

  • Ermittler konnten den Flugschreiber bereits bergen
  • Regierung: Niemand kann Absturz überlebt haben

Nach dem Absturz einer Passagiermaschine in Nigeria mit 117 Insassen an Bord ist am Montag der Flugschreiber gefunden worden. Die Ermittler erhoffen sich von dem Gerät Aufschluss über die Absturzursache. In Nigeria ist eine dreitägige Staatstrauer verhängt worden.

Die Regierung bat die USA um Unterstützung bei den Ermittlungen, wie Luftfahrtminister Babalola Borishade am Montag mitteilte. Bisher gehe man von einem Unfall aus, schließe einen Anschlag jedoch nicht aus. Kurz nach dem Start habe der Pilot während eines Sturms einen Notruf abgesetzt, der auf ein technisches Problem hingedeutet habe, wurde am Montag bekannt.

Die Bergung der Opfer wurde dadurch erschwert, dass das Wrack in sumpfigem Gelände steckt. Einige Leichenteile wurden bereits geborgen. Der Rumpf der Boeing 737-200 mit den meisten Opfern liegt aber unter der Erde und muss zunächst freigelegt werden.

Maschine womöglich von Blitz getroffen
Der Leiter der Zivilen Luftfahrtbehörde, Fidelis Onyenyiri, sagte, möglicherweise sei die Maschine von einem Blitz getroffen worden, und der Pilot habe die Kontrolle verloren. Nach Angaben der Fluggesellschaft Bellview Airlines waren 111 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder an Bord. Über die Nationalität wurden bisher keine Angaben gemacht, vermutlich handelte es sich jedoch bei den meisten Insassen um Nigerianer.

Die Boeing der privaten Gesellschaft Bellview Airlines war auf dem Weg von Lagos in die Hauptstadt Abuja fünf Minuten nach dem Start von den Radarschirmen verschwunden. Das Wrack wurde später im Staat Oyo 200 Kilometer nördlich von Lagos entdeckt.

US-Militärexperte unter Absturzopfern
Unter den Opfern befindet sich nach Angaben der US-Botschaft in Abuja der ranghöchste US-Militärexperte in dem westafrikanischen Land. Major Joseph Haydon wurde demnach von US-Militärangehörigen identifiziert, die am Dienstag erneut die Absturzstelle untersuchen werden.

Unterdessen berichtete der südafrikanische TV-Sender e-tv, dass die beim Absturz getötete TV-Produzentin aus Kapstadt kurz vor dem Absturz ihren Kameramann telefonisch kontaktiert hatte. Sie hatte ihm noch mitteilen können, dass etwas Ungewöhnliches an Bord vor sich gehe. Danach sei der Kontakt abgebrochen.

Diplomaten und Regierungsvertreter an Bord
An Bord des Flugzeugs sollen auch US-Diplomaten, nigerianische Regierungsvertreter und Politiker aus westafrikanischen Staaten gewesen sein. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) bestätigte, dass ECOWAS-Vertreter unter den Passagieren waren. Die private Airline Bellview galt als relativ sichere Fluggesellschaft im afrikanischen Vergleich und wurde daher von vielen Politikern und ausländischen Arbeitern - viele davon sind in der Erdölindustrie tätig - geschätzt.

Der Generalsekretär des nigerianischen Roten Kreuzes, Abiodun Orebiyi, sagte unter Berufung auf Mitarbeiter, am Unglücksort sehe es "schrecklich aus, sehr tragisch. Das Flugzeug ist völlig unkenntlich." Es gebe bisher "keine Spur von Überlebenden". Allerdings seien Dutzende bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen gefunden worden. Augenzeugen zufolge entstand durch den Aufprall eine 20 Meter tiefer Krater. Afrikanische Fernsehsender zeigten Bilder von weiträumig verteilten Wrack- und Leichenteilen.

Drei Minuten nach Start Kontakt verloren
Die Boeing war am Samstag um 20.45 Uhr von Lagos aus gestartet, nur drei Minuten später verlor der Tower den Kontakt. Die ganze Nacht lang suchten Hubschrauber vergeblich nach der vermissten Maschine. In widersprüchlichen Meldungen hieß es zunächst, die Boeing sei in einen See gestürzt oder erst 400 Kilometer nördlich von Lagos nahe der Stadt Kishi abgestürzt. Zudem war zunächst davon die Rede, dass mehr als die Hälfte der Insassen den Absturz überlebt hätten. Erst als ein Fernsehsender Bilder vom Absturzort zeigte, korrigierte Informationsminister Frank Nweke die ursprünglichen Angaben.

An Bord der Maschine befanden sich sechs Besatzungsmitglieder sowie 111 Passagiere. Über die Nationalität der Passagiere herrschte noch Unklarheit. Der nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo äußerte sich schockiert über die Katastrophe. Er ordnete vor der Veröffentlichung der Passagierliste eine interne Prüfung an. Besorgte Angehörige beklagten die mangelnde Informationspolitik der Flugesellschaft. "Niemand spricht mit mir", sagte Samuel Ojeikedion am Flughafen Lagos.

In Nigeria ereignen sich angesichts erheblicher Mängel in der Flugsicherheit regelmäßig Abstürze. Im Mai 2002 waren bei einem Absturz in der nordnigerianischen Stadt Kano mehr als 140 Menschen gestorben. Damals war die Maschine kurz nach dem Start in ein Armenviertel gestürzt. Bellview fliegt mehrere Strecken innerhalb Nigerias und in Westafrika und bietet eine Verbindung von Lagos nach London an. (apa/red)

23.10.2005 07:45