Mittwoch, 12. Oktober 2005

Volkstheater-Groteske: Schottenberg ließ denkmalgeschütztes Hitler-Zimmer schleifen

  • NEWS: Salon wurde trotz Behördeneinspruch zerstört
  • Raum dient jetzt als Bühnenbild für Bernhard-Stück

Groteske Zustände um die österreichische Denkmalschutzbehörde: Weil ihm amtlich untersagt wurde, einen für Adolf Hitler errichteten Salon im Wiener Volkstheater zu schleifen, griff Direktor Michael Schottenberg zu Selbsthilfe. Die illegale Demontage ist vollzogen, der Raum wird als Bühnenbild für Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" (Premiere: 16. Oktober) Auferstehung mit Ablaufdatum feiern.

Die Vorgeschichte mutet überaus österreichisch an: Das Zimmer in warmbrauner Holztäfelung wurde im Nazi-Reich errichtet, sollte Adolf Hitler einmal das Theater frequentieren. Der Führer kam nie, doch das Hitler-Zimmer wurde von der republikanischen Denkmalschutzbehörde zum zeittypischen Baudenkmal erklärt und unter Schutz gestellt.

Schottenberg in NEWS: "Schon bei meiner ersten Begehung des Hauses wurde mir seitens des Bundesdenkmalamtes mitgeteilt, dass dieser Raum erhalten bleiben muss. Ich denke ja nicht daran, ein 'Führerzimmer' zu erhalten! Dieses Theater ist aufgrund des Spielplans und der Menschen, die ihn machen, ein Theater des Widerstandes! Ich wollte dieses Menetekel loswerden. Ich begreife überhaupt nicht, wie man solange damit leben konnte." Den Vorschlag, er möge die Schande hinter Tüchern verbergen, findet Schottenberg "geradezu absurd. So geht man in Österreich seit 60 Jahren mit der Geschichte um. Alles wird verdrängt und zugedeckt. Ich will aber die Welt mit Suchscheinwerfern ableuchten."

Der Direktor, zusammenfassend: "Als wir diese braunen Vertäfelungen abgenommen haben, hat sich herausgestellt, dass darunter alles verfault war. Wie bei einem hohlen Zahn. Verschimmelt, zugedeckt, zugepappt. Treffender könnte es nicht einmal von Thomas Bernhard geschrieben worden sein. Selbst, wenn ich eine Woche sitzen müsste, wär mir das vollkommen wurscht. Das Zeug gehört weg!"

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12.10.2005 12:18