Nachfolger von Jelinek gefunden: Literatur-Nobelpreis 2005 geht an Briten Harold Pinter
- Die Auszeichnung ist mit 1,1 Millionen Euro dotiert!
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Als "Wiedergutmachung" für Dynamit-Erfindung
Der Literatur-Nobelpreis geht heuer an den 75-jährigen britischen Dramatiker Harold Pinter. Dies gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften am Donnerstag bekannt. Die mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierte Auszeichnung ist im Vorjahr an die Österreicherin Elfriede Jelinek verliehen worden.
Pinter habe in seinen Dramen "aus der menschlichen Alltagssprache heraus dramatische Situationen geschaffen, die für uns die menschliche Existenz auf eine einzigartige Weise bloßstellen", sagte der Sekretär der Akademie, Horace Engdahl.
Engdahl hat die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Pinter, der am 10. Oktober 75 Jahre alt geworden ist, auch mit dessen literarischer Verarbeitung politischer Probleme begründet: "Von einem existenzialistisch begründeten Ausgangspunkt in den fünfziger und sechziger Jahren ist der späte Pinter politischer geworden. Er hat sich immer mehr politisch begründetem Leiden zugewandt."
"Abgrund unter alltäglichen Geschwätz freigelegt"
In der Begründung der Akademie hieß es, dass Pinter "in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht" (offizielle Übersetzung). "Harold Pinter wird ganz allgemein als hervorragendster Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingestuft. Seine Stellung als moderner Klassiker wird dadurch veranschaulicht, dass man aus seinem Namen ein Adjektiv gebildet hat, das eine gewisse Stimmung und ein gewisses Milieu in Theaterstücken beschreibt, nämlich 'pinteresk'.
Wie so gut wie jedes Jahr hat die Verleihung wieder unterschiedlichste Reaktionen hervorgerufen, die von "bizarre Wahl" (Sigrid Löffler) bis "gute, richtige Entscheidung" (Marcel Reich-Ranicki) reichten. Dass die Auszeichnung für Pinter zu spät komme, meinte Reich-Ranicki ebenso wie Ewald Mengel, Professor für Anglistik an der Universität Wien und Pinter-Spezialist. Mengel zur APA: "Die Auszeichnung meint sicher den Dramatiker Pinter und hätte viel früher kommen müssen. Die jüngeren Werke waren weniger Aufsehen erregend." Der Literaturkritiker Denis Scheck hat die Vergabe an Pinter als "Beleidigung der Weltliteratur" bezeichnet.
Pinter Sohn eines jüdischen Schneiders
Pinter gilt als der "zornige alte Mann" des britischen Theaters. Nicht nur als Schriftsteller engagierte sich der aus kleinen Verhältnissen im Londoner East End stammende Sohn eines jüdischen Schneiders gegen Unrecht und Unterdrückung. Vehement attackierte Pinter auch immer wieder die Irak-Politik von US-Präsident George W. Bush und des britischen Premiers Tony Blair.
Pinter veröffentlichte 1950 erste Gedichte und debütierte als Dramatiker 1957 mit dem Einakter "Das Zimmer", der in einem ärmlichen Wohnzimmer eines Arbeiterehepaares spielt. Der weltweite Durchbruch gelang ihm mit dem Stück "Der Hausmeister" (1959), das in Wien zuletzt im Theater in der Josefstadt zu sehen war. Insgesamt hat Pinter 29 Bühnenwerke geschrieben, darunter "Die Geburtstagsfeier" (1958), "Das Treibhaus" (1959) und "Die Heimkehr" (1965), sowie auch immer wieder Regie geführt. "Ich glaube, das ist doch eigentlich genug", meinte er in einem Interview. Die großen schriftstellerischen Themen seien ihm inzwischen ausgegangen. Doch Radio-Hörstücke, Drehbücher und kurze Sketche verfasste er auch in jüngerer Zeit.
Österreich zeichnete Schriftsteller bereits vor über 30 Jahren aus
Seit Ende der 80er Jahre trat der Autor, der 1973 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet wurde, immer mehr mit politischem Engagement ins Rampenlicht. Ob es um die die NATO-Bombardierung Serbiens, den Golf-Krieg oder die Rechte der Kurden ging - er stand bei Demonstrationen oder Eingaben an die Regierung oft in vorderster Reihe. Spätestens nach der Heirat mit seiner zweiten Frau, der Historikerin und Autorin Antonia Fraser, im Jahr 1980 ist der reich gewordene Sozialist auch Liebling der Gesellschaft. Einen ganz persönlichen Kampf führt er seit drei Jahren gegen Kehlkopfkrebs.
Jelinek freut sich für Pinter: "Noch ein Linker!"
Die österreichische Autorin und Vorjahres-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bezeichnete sich gegenüber der "Kleinen Zeitung" als "delighted" über den Literatur-Nobelpreis für Harold Pinter. "Noch ein Linker! Und ein wunderbarer Dramatiker dazu. Werde sofort zu feiern beginnen", so Jelinek, die meinte: "Gratuliere ihm und der Akademie!"
(apa)
