Mittwoch, 12. Oktober 2005

Syrischer Innenminister beging Selbstmord:
Langjähriger Geheimdienstchef im Libanon

  • Kanaan war von ermordeten Hariri beauftragt worden

Syriens Innenminister General Ghazi Kanaan hat Selbstmord verübt. Damit haben die offenbar vor dem Abschluss stehenden UNO-Ermittlungen zur Ermordung des libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri im vergangenen Februar einen dramatischen Höhepunkt erreicht. Kanaan, seit Oktober 2004 Innenminister, war zwanzig Jahre lang syrischer Geheimdienstchef im Libanon gewesen. Die syrische Armee hatte sich im vergangenen April nach 29-jähriger Präsenz aus dem Nachbarland zurückgezogen.

Kanaan habe sich in seinem Büro in Damaskus das Leben genommen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur SANA. Die Behörden hätten erste Untersuchungen zu den Hintergründen des Selbstmords eingeleitet. Aus Sicherheitskreisen verlautete, der General habe sich mit seiner Pistole erschossen und sei sofort tot gewesen. Kanaan war von dem UNO-Sonderermittler im Mordfall Hariri, dem deutschen Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis, im September befragt worden. In einem von der Beiruter Tageszeitung "As-Safir" veröffentlichten Interview hatte er betont, über "keinerlei Informationen" in der Causa zu verfügen. Wenige Stunden vor seinem Tod hatte Kanaan noch ein Gespräch mit einer libanesischen Radioanstalt geführt.

Hariri war am 14. Februar bei einem Bombenanschlag in Beirut ums Leben gekommen. Der Anschlag hatte wochenlange Massenproteste ausgelöst und eine politische Dynamik in Gang gesetzt, die zum Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon und zu freien Wahlen führte. Damaskus hatte von der neuen libanesischen Regierung unter dem Ministerpräsidenten Fouad Siniora eine offizielle Entschuldigung für Verdächtigungen gefordert, wonach syrische Geheimdienste hinter der Ermordung Hariris steckten. Zugleich hatte der syrische Präsident Bashar al-Assad dem UNO-Ermittler Mehlis zugesichert, dass ihm alle Militär- und Geheimdienstverantwortlichen, mit denen er zu sprechen wünsche, zur Verfügung stehen würden. Die bisherigen Erfolge bei den UNO-Ermittlungen, die zur Festnahme von vier libanesischen Generälen geführt haben, sollen laut Medienberichten auf Informationen eines Überläufers des syrischen Geheimdienstes basieren.

Die arabische Zeitung "Al-Hayat" schrieb in ihrer Mittwoch-Ausgabe unter Berufung auf westliche Diplomaten, Mehlis werde in seinem Bericht an Generalsekretär Kofi Annan, den er Ende Oktober den Vereinten Nationen vorlegen soll, neben den bereits inhaftierten libanesischen Ex-Geheimdienstchefs auch Angehörige des syrischen Sicherheitsapparates als mögliche Tatverdächtige namhaft machen. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bisher nicht.

Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" hat in seiner dieswöchigen Ausgabe berichtet, US-Außenministerin Condoleezza Rice habe sich im Zusammenhang mit dem zu erwartenden Mehlis-Bericht für eine diplomatische Isolierung Syriens ausgesprochen. Die US-Regierung hatte Konten des syrischen Innenministers unter dem Vorwurf eingefroren, Kanaan unterstütze und fördere den Terrorismus. Die israelische Presse hatte Anfang des Monats berichtet, die USA hätten die israelische Führung wegen der Frage eines Regimewechsels in Syrien konsultiert. (apa/red)

12.10.2005 13:19