Donnerstag, 13. Oktober 2005

50 Jahre wiedereröffnetes Burgtheater: Feiern mit Münzen, Marken, Büchern, Festen

  • Simone Young dirigiert die Wiener Philharmoniker
  • "König Ottokars Glück und Ende" als erstes Stück

"1955-2005 Haus am Ring. Das Burgtheater feiert" hieß das über zweistündige Festprogramm, mit dem am Freitag Abend des 50. Jahrestages der Wiedereröffnung des Hauses gedacht wurde. Praktisch das gesamte Ensemble beteiligte sich an der von Karin Beier gestalteten Feier, die von ironischen Untertönen durchzogen war. Jener nationale Gestus, der die Feierlichkeiten 1955 geprägt hatte, sollte einem europäischen Bewusstsein weichen, erläuterte Direktor Klaus Bachler in einer kurzen Ansprache.

Der erste Teil des Abends orientierte sich am Programm vom 14. Oktober 1955: Die Doyenne des Hauses, Annemarie Düringer, sprach den Prolog zu Schillers "Wallenstein", die Wiener Philharmoniker spielten unter der energischen Leitung von Simone Young (einst stand Karl Böhm am Pult) Beethovens "Die Weihe des Hauses". Goethes "Zueignung" wurde von Doyen Michael Heltau gesprochen. Sven-Eric Bechtolf, Klaus Maria Brandauer und Roland Koch traten im "Vorspiel auf dem Theater" aus Goethes "Faust" die Nachfolge von Werner Krauß, Raoul Aslan und Hermann Thimig an. Spätestens hier war klar, dass man dem einstigen Pathos nur mit Ironisierung begegnen konnte.

Bachler hielt sich in seinen kurzen Anmerkungen nicht lange mit Programmatischem auf. Er habe das Burgtheater immer der Internationalität und der Offenheit verpflichtet gesehen. Die Frage sei, was man in 10, 20, 50 Jahren in diesem Hause feiern würde. So begründete er die Wahl des in Köln lebenden deutsch-iranischen Autor Navid Kermani (der schon bei "Literatur im März" den Eröffnungsvortrag gehalten hatte) als Festredner.

Kermani ging in seiner ausführlichen Rede auf die etwa von Stefan Zweig und Joseph Roth formulierten europäischen Traditionen ein, schilderte die Wichtigkeit der europäischen Werte, die keineswegs selbstverständlich seien, betonte aber deren Gefährdung durch die gegenwärtige Abschottung: "Ein Europa, das sich verschließt, ist kein Europa mehr!" Eindrucksvoll schilderte Kermani die Erlebnisse einer Reise nach Marokko, von der er erst am Vorabend zurückgekehrt sei, und berichtete von seinen Gesprächen mit verzweifelten Flüchtlingen. Abschließend gratulierte er "Ihnen allen zu dieser Bühne, um die Europa sie beneidet!"

Im zweiten Teil collagierten nahezu hundert Schauspieler des Hauses unter dem Titel "Kunstvaterland" von einem großen Metallgerüst (Bühne: Thomas Dreißigacker) herab Stimmen zu Politik, Kultur und Theater in Österreich 1945 bis 1955. Der Bogen reichte von der im Chor gesprochenen Rede des Hornek aus Grillparzers "König Ottokar" (der morgen an der Burg Premiere hat), über Zitate aus Parlamentsreden und der Proklamation der Selbstständigkeit Österreichs bis zu Textauszügen von Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Leopold Figl und Karl Renner meldeten sich mit ihren Weihnachtsansprachen von 1945 und 1950 ("Wir wollen allein sein! Also lasst uns allein!") per Tonband zu Wort. Großen Erfolg erzielten Jandls "humanisten" und ein Lied aus dem heimischen Science-Fiction-Film "1. April 2000" ("Die Sonne scheint auf alle gleich / warum nicht auch auf Österreich?"). Beschlossen wurde die Feier mit einer bösen "Wiener Blut"-Version aus Elfriede Jelineks "Präsident Abendwind".
(apa)

13.10.2005 11:12