Dienstag, 4. Oktober 2005

Gegen harte Reformpolitik der Regierung:
Eine Million protestierten in Frankreich

  • Verkehrschaos - Ganzes Land lahm gelegt
  • Premierminister Villepin: "Ich höre die Botschaft"

Mit landesweiten Streiks haben die französischen Gewerkschaften am Dienstag die Regierung zu einem Linksschwenk in ihrer Sozialpolitik gedrängt. Eine Million demonstrierten für Arbeitsplätze und gegen Jobabbau. Der Zug- und Flugverkehr kam weitgehend zum Erliegen. "Ich höre die Botschaft der Franzosen", versicherte Premierminister Dominique de Villepin im Parlament. Er werde "unermüdlich für Beschäftigung und Sicherung der Kaufkraft kämpfen". Der Staat sei "gut beraten, an diesem 4. Oktober Demut zu beweisen und zu hören, was die Franzosen zu sagen haben".

Bei ihrem Aktionstag marschierten die Gewerkschaften erstmals seit 1986 wieder gemeinsam. Die Linksparteien von den Sozialisten und Grünen bis zu den Kommunisten und Trotzkisten unterstützten die Bewegung und warfen der Regierung in einem gemeinsamen Aufruf soziale Demontage vor. Der Chef der Gewerkschaft CGT, Bernard Thibault, verlangte von der Regierung, auf die Forderungen der Streikenden einzugehen. Sollte die Regierung nicht angemessen reagieren, seien weitere Streiks möglich, sagte er im Fernsehen.

Besondere Brisanz erhielt der erste große Streik seit Villepins Amtsantritt am 31. Mai durch Pläne zur Privatisierung der Korsika-Reederei SNCM und des Stromkonzerns EDF. Die Sozialisten werfen der Regierung vor, mit der Privatisierung Konflikte und Gewalt zu schüren.

Mehr als eine Million Menschen beteiligte sich nach Angaben von Gewerkschaftern an den Demonstrationen. Die Mobilisierung sei viel größer als im Frühjahr. In Paris seien 150.000 Menschen auf die Straße gegangen; auch in Mittelstädten seien jeweils Zehntausende zusammengekommen. Die Schätzungen der Polizei lagen durchweg deutlich niedriger. Die meisten Demonstrationen blieben friedlich. Auf Korsika lieferten sich Vermummte Straßenschlachten mit der Polizei.

Besonders betroffen von den Streiks waren der öffentliche Dienst, die Post und der Verkehr. Alleine auf den Pariser Flughäfen fielen knapp 400 Flüge aus. Dadurch wurde auch der Flugverkehr in Deutschland beeinträchtigt. Abgehende Flüge hatten teils große Verspätungen. Auch jeder dritte Eisenbahner der SNCF legte die Arbeit nieder. Bereits seit Montagabend blieben viele Züge in den Depots; der internationale Verkehr war aber kaum betroffen. Jeder zweite bis dritte Lehrer blieb der Schule fern, und es gab kaum Zeitungen.

In vielen Ballungszentren wie Lyon, Marseille oder Toulouse gab es ein Verkehrschaos. Ganze Regionen im Norden wie im Süden standen weitgehend still. Dagegen war die Lage in Paris unerwartet entspannt, weil im Nahverkehr erstmals ein Notdienst organisiert wurde und viele Arbeitnehmer mit gesetzlicher 35-Stunden-Woche einen freien Gleittag nahmen.


(apa/red)

4.10.2005 07:38