Sonntag, 9. Oktober 2005

"Fehlende Klasse": Das ÖFB-Team gibt sich nach dem 0:1 in England sehr selbstkritisch!

  • Ruttensteiner: "Keine Gratulationen nach Niederlage"
  • Stickler: "Schöne Perspektiven für die Zukunft"

Das österreichische Fußball-Nationalteam trauerte nach dem 0:1 im WM-Qualifikations-Match gegen England einer möglichen Sensation nach und gab sich durch die Bank selbstkritisch. "Wenn man 30 Minuten in Überzahl kein Tor erzielt, dann ist das auch fehlende internationale Klasse", meinte Teamchef Willi Ruttensteiner, der mit seinem Betreuerstab ein junges Team mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren auf den Rasen des Old-Trafford-Stadions geschickt hatte.

Bei aller Zufriedenheit über die ordentliche Vorstellung betonte Ruttensteiner: "Die Spieler wollen keine Gratulationen nach einer Niederlage hören. Von Niederlagen, auf denen wir aufbauen können, reden wir in Österreich schon lange genug. Das muss weg, denn 2008 bei der EM in Österreich müssen wir etwas erreichen." Auf die Frage, was in der abschließenden Drangphase gefehlt habe, erklärte Ruttensteiner: "Unsere Flanken waren zu ungefährlich und vor dem englischen Tor entstand zu wenig Druck."

Nach der Gelb-Roten Karte für Superstar David Beckham lag in Manchester der Ausgleich in der Luft, die schwachen Engländer hingen vor knapp 65.000 Fans in den Seilen. "Nach dem Spiel hat mir der englische Teamchef Eriksson gesagt, dass sie am Rande einer Niederlage waren, dass sie gewackelt haben. Für England wäre ein Remis keine Gaudi gewesen", wusste Eriksson-Fan Ruttensteiner, der sich nach Schlusspfiff die aus Österreich mitgebrachte Biografie des Schweden signieren ließ.

Ruttensteiner rang vor Dobers Einsatz lange mit sich selbst
"Ich habe bis zum Schluss an ein Unentschieden oder sogar an einen Sieg gedacht", meinte der Interims-Chef, der gerne mit einer Sensation einen Platz in den ÖFB-Geschichtsbüchern gebucht hätte. "Ich bin nur zwei Spiele Teamchef, da wäre ein Erfolg in England natürlich sensationell gewesen. Dass er Rapid-Youngster Andreas Dober im 4-2-3-1-System spielen ließ, war laut eigenen Angaben eine schwere Geburt, die sich im Endeffekt jedoch auszahlte: "Da habe ich lange mit mir gerungen. Aber dann habe ich mir gesagt: 'Man darf nicht nur über Talentförderung reden, sondern muss es auch vorleben.'" Neben Dober (19) wurden auch andere Youngsters wie Andreas Ibertsberger (23) oder Andreas Lasnik (21) mutig in die Schlacht geworfen.

Teammanager Andi Herzog hatte gegen die oft so überheblichen "Götter mit den drei Löwen auf der Brust" auf eine Überraschung gehofft. "Wir haben gezeigt, dass auch Österreicher guten Fußball zeigen können. Auch so einen Gegner kann man biegen. Unsere jungen Spieler müssen weiter ihren Weg gehen, wenn möglich im Ausland." Kapitän Andreas Ivanschitz analysierte so: "Wir haben nicht nur gut gekämpft, sondern auch Fußball gespielt. Wir haben England unter Druck gesetzt und verunsichert. Das hat vor dieser Kulisse Riesenspaß gemacht."

Scharner flüchtet sich nicht in Ausreden
Sehr selbstkritisch präsentierte sich Paul Scharner, der in der Inneverteidigung gemeinsam mit Martin Stranzl hervorragend spielte, allerdings in der 24. Minute das Elfer-Foul an Michael Owen beging. "Ein Elfmeter, den man pfeifen kann. Es war ein kleiner Stellungsfehler von mir, und den nützt ein Mann mit dieser Klasse eben eiskalt aus", sagte der Norwegen-Legionär, der den Grund für die Niederlage auch in den Köpfen vermutet: "In diesen Phasen fehlt vielleicht noch die mentale Stärke und der absolute Siegeswille. Man hat aber auch bei jungen Spielern wie Dober gesehen, was in Österreich alles möglich ist."

ÖFB-Präsident Friedrich Stickler trug seinen rot-weiß-roten Schal trotz des 0:1 im Spiel eins nach Hans Krankl voller Stolz. "Vor dem Match habe ich mir nur gewünscht, dass wir nicht untergehen. Aber im Endeffekt habe ich schöne Perspektiven für unsere Zukunft gesehen, England hat am Schluss nur noch verteidigt", sagte Stickler, der zur Teamcheffrage meinte: "Ich bin sehr zuversichtlich und gehe davon aus, dass in 14 Tagen alle Gespräche beendet sein werden."

"Wir werden sachlich und kritisch analysieren"
Am Sonntag hatten die Teamkicker bis 22 Uhr "Ausgang", das nächste Training findet am Montag um 16:30 Uhr statt. Am Montag steht außerdem die Analyse des England-Spiels und am Dienstag die Vorbereitung auf die Nordirland-Partie auf dem Programm. "Wir werden sachlich und kritisch analysieren", kündigte Ruttensteiner an, der in Manchester mit dem Offensivdrang von Kapitän Ivanschitz, Markus Weissenberger und Markus Schopp nicht rundum zufrieden war.

Die Neuigkeiten vom Personalsektor: Der in England gefährlichste Distanzschütze Markus Kiesenebner ist gegen Nordirland gesperrt, Weissenberger ist mit einer Leistenzerrung genauso wie weiterhin Goalie Helge Payer (Oberschenkel) und GAK-Kapitän Toni Ehmann (Knie) fraglich. Emanuel Pogatetz hat dagegen in England seine Sperre abgesessen und ist wieder spielberechtigt. Ruttensteiner stellte klar, dass wohl auch im Falle einer Payer-Genesung der im Old Trafford sehr starke Jürgen Macho im ÖFB-Tor bleibt: "Nach so einem Match kann man nur schwer einen Tormanntausch vornehmen."

(apa/red)

9.10.2005 13:04