Donnerstag, 6. Oktober 2005

Österreichs U21-Team sorgt für Sensation: Youngsters gelingt Auswärtssieg bei England

  • Erste Niederlage für die favorisierten Gastgeber

28.030 Zuschauer im Stadion an der Elland Road in Leeds haben am Freitagabend 21:35 Uhr Ortszeit beim Blick auf die Anzeigetafel nicht schlecht gestaunt: England 1 Austria 2 stand da nach 90 Minuten EM-Qualifikation in großen Lettern geschrieben. Österreichs U21 besiegte nicht einmal drei Jahre vor der großen Heim-EM 2008 zum ersten Mal in der Geschichte die Kollegen aus dem Land des Weltmeisters 1966.

Neo-Teamchef Gerhard Hitzel, der langjährige Assistent von Willi Ruttensteiner hat vergangene Woche gemeinsam mit U16-Teamcoach Manfred Zsak die Agenden übernommen, jubelte am englischen Rasen gemeinsam mit seinen tanzenden Burschen, hob jedoch gleich auch warnend den Zeigefinger: "Ein verdienter und toller Sieg, ich sehe aber jetzt keinen Grund zu einer übertriebenen Euphorie. Wir haben wieder einmal gesehen, dass wir einen sehr guten und von unten nach oben drängenden Nachwuchs haben."

Das ÖFB-Team hatte an diesem Abend alles parat, was man im modernen Fußball braucht: Kampfkraft, Kondition, Kaltschnäuzigkeit vor dem generischen Tor, Glück und nach der Pause auch eine gehörige Portion Spielwitz. Dennoch war der Unterschied zu den englischen Kickern - vor allem Tottenham-Flügelflitzer Aaron Lennon lieferte auf der rechten Seite eine wahre One-Man-Show ab - teilweise klar ersichtlich. "Die Engländer spielen allesamt in der Premier League, von den Österreichern kommen in der T-Mobile-Bundesliga nur vier bis fünf Leute zum Zug", weiß Hitzel warum.

ÖFB-Held des Abends war Doppeltorschütze Marc Janko, der seit seinem achten Lebensjahr bei der Admira gespielt hatte und nun im Sommer 2005 im Rahmen eines Transfer-Hickhacks zu Red Bull Salzburg gewechselt ist. Janko ist seit 25. Juni 22 Jahre alt und deswegen am Dienstag in St. Veit gegen Deutschland zum allerletzten Mal für die U21 spielberechtigt. Dabei hat Janko in Leeds erst sein zweites U21-Ländermatch bestritten und dabei zum ersten Mal auf internationaler Ebene getroffen. Und das im Stile eines absoluten Klassemannes, denn der 1,95 m große und 88 kg schwere Brecher zeigte sich als Meister der Effizienz, traf bei drei Großchancen abgebrüht und cool zwei Mal.

Dabei ist der Sohn der früheren Spitzen-Leichtathletin Eva Janko (Olympia-Speer-Bronze 1968) bei Kurt Jara kein Thema für die Stammformation und holt sich bei den Amateuren in der Regionalliga West die Spielpraxis. Janko, der im Laufe seiner jungen Karriere bereits Verletzungen wie Kniescheibenbruch, Knöchelbruch oder Leistenbruch verdauen musste, schiebt in Salzburg unter Anleitung des ehemaligen ÖSV-Kondi-Coachs Toni Beretzki regelmäßig Sonderschichten ein, um seine Mängel in Grundlagenausdauer und Beweglichkeit zu minimieren.

Am Freitagabend wurde Janko von allen Seiten auf die Schultern geklopft, sein Name dürfte nun auch in dem einen oder anderen Spielervermittler-Büchlein auftauchen. Janko outete sich danach als England-Fan: "Die tolle Atmosphäre im Stadion hat mir geholfen. Für mich wäre es ein Traum, irgendwann in England spielen zu dürfen", so der Linksfuß, der zwei Mal mit rechts traf. Und das mit geborgten Puma-King-Uraltschuhen (Janko: "Das stand noch 'Made in West Germany' drauf"), denn das U21-Gepäck war in Paris hängen geblieben.

Zum Thema EM 2008 meinte Janko: "Klar ist das eine unheimliche Herausforderung, aber dafür werde ich viele, viele solcher Leistungen zeigen müssen." Das von seinem Chef Hitzel geforderte Selbstvertrauen trug Janko, Dritter der Street-Soccer-WM 1996 in London, auch nach dem Spiel eindrucksvoll zur Schau. "Welche Engländer waren für Sie am beeindruckendsten?" wollte ein englischer Reporter wissen. Jankos Antwort lautete: "Das einzige, was mich heute beeindruckt hat, war unsere Leistung."

Das Match in Leeds war das vierte Aufeinandertreffen der U21-Auswahlen von Österreich und England: zuvor hatte sich jeweils England mit 3:1, 2:1 und 2:0 durchgesetzt.
(apa/red)

6.10.2005 11:20