Donnerstag, 6. Oktober 2005

Ausgezeichnete Bilanz, aber ständig in Frage gestellt: Eriksson unter Dauerdruck

  • 57-Jähriger trat sein Amt im Jahr 2001 an
  • Schwede 1. ausländischer Trainer des Nationalteams

Tradition ist oft eine Bürde. Vor allem, wenn man englischer Teamchef ist und aus Schweden kommt. Sven-Göran Eriksson hat neben der Hypothek, als erster Ausländer überhaupt die Auswahl des Fußball-Mutterlandes zu betreuen, seit seinem Amtsantritt im Jänner 2001 auch mit den hochgesteckten und oft überzogenen Erwartungen von Fans und Medien an das Nationalteam zu kämpfen.

Dabei kann sich die Bilanz des 57-Jährigen durchaus sehen lassen: In 31 Pflichtspielen inklusive Welt- und Europameisterschaft kassierte England bei sieben Remis (darunter das Viertelfinal-Out bei der EURO gegen Portugal im Elferschießen) nur drei Niederlagen. Im WM-Viertelfinale 2002 war beim 1:2 gegen den späteren Weltmeister Brasilien Endstation, in der EM-Vorrunde 2004 ging die Partie gegen den damaligen Titelverteidiger Frankreich erst durch zwei späte Zidane-Tore 1:2 verloren.

Erste Niederlage gegen Nordirland seit 1927
Die bisher letzte Schlappe - gleichzeitig die erste in der Ära Eriksson in einem Qualifikationsspiel für ein Großereignis - brachte den Schweden jedoch scharfe Kritik ein. Das peinliche 0:1 in Belfast war die erste Niederlage der Engländer gegen die Nordiren seit 1927, und die Yellow Press forderte in drastischen Formulierungen nach der historischen Niederlage prompt den Rauswurf des Trainers.

Dabei hatte Eriksson den Engländern schon bald nach Amtsantritt zu einem äußerst positiven Eintrag in die Geschichtsbücher verholfen, als seine Kicker am 1. September 2001 Deutschland mit 5:1 aus dem Münchner Olympiastadion fegten. Plötzlich wurde er von Zeitungen nur noch ehrfürchtig "Sv-England" genannt und stürmten Comedy-Truppen mit (ironischen) Lobeshymnen auf den Schweden die nationale Hitparade.

Seit 2002 laufend Rücktrittsforderungen
Erikssons Beliebtheit war aber nur von kurzer Dauer, denn bereits nach dem WM-Out 2002 wurden erste Rücktrittsforderungen laut. Wirklich vor dem Abgrund stand der Coach allerdings erst ein Mal, und zwar nicht aus sportlichen, sondern aus privaten Gründen. Im Juli des Vorjahres wurde eine Affäre des umtriebigen Schweden mit der damaligen Verbandssekretärin Faria Alam bekannt, die gleichzeitig mit dem Verbandsgeschäftsführer Mark Palios verbandelt war - Palios musste gehen, Eriksson durfte bleiben, womöglich auch deshalb, weil ein Rauswurf des bis 2008 unter Vertrag stehenden Teamchefs über 15 Mio. Euro gekostet hätte.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt war es für den englischen Boulevard um die moralische Autorität Erikssons geschehen. "Doch auch als Trainer ist man jederzeit in Gefahr, seine Reputation zu verlieren", meinte der 57-Jährige wenige Tage vor dem Österreich-Match, in dem seine Mannschaft den Gruppensieg und damit die automatische WM-Qualifikation verspielen könnte, sollte die ÖFB-Auswahl einen Punkt ergattern.

Derzeit genießt Eriksson aber nach wie vor den Ruf eines Top-Betreuers. Als Spieler keine große Nummer, führte er IFK Göteborg als Coach von 1980 bis 1982 zu einem Meistertitel, zwei Cup-Siegen und dem Triumph im UEFA-Cup 1982. Danach holte er mit Benfica Lissabon von 1982 bis 1984 zwei Titel und einen Cup-Sieg.

Weitere Meilensteine waren der Vize-Meistertitel und Cup-Sieg mit AS Roma 1986, abermals ein portugiesischer Meistertitel 1991 und ein verlorenes Meistercup-Finale mit Benfica 1990 im Wiener Prater-Stadion gegen AC Milan, ein italienischer Cup-Sieg 1994 mit Sampdoria sowie ein "Scudetto" (2000), zwei Cup-Siege (1998,2000) und der Triumph im Cup der Cupsieger (1999) mit Lazio Rom.
(apa)

6.10.2005 11:06