Mittwoch, 5. Oktober 2005

"Bis Weihnachten wieder gehen lernen": Werner Franz hat derzeit ganz andere Ziele

  • Bein musste nach Trainingsturz fast amputiert werden
  • "Zehn Tage nach der Verletzung waren nur grausam"

Vier Operationen nach seinem fatalen Sturz beim Abfahrtstraining in Chile erholt sich ÖSV-Routinier Werner Franz derzeit in seiner Kärntner Heimat von den Strapazen. Nach dem jüngsten Eingriff bei Dr. Christian Schenk vor einer Woche in Schruns muss Franz, der sich das rechte Schien- und Wadenbein gebrochen sowie den Schienbeinkopf zertrümmert hatte, nun drei Wochen Liegegips tragen. Über eine mögliche Fortsetzung seiner Karriere hat der 33-Jährige noch nicht nachgedacht.

"Daran habe ich noch keinen einzigen Gedanken verschwendet", meinte Franz im Gespräch mit der APA. Seit der mittlerweile vorletzten seiner zahlreichen schweren Verletzungen im Oktober 2001 (rechtes Knie) habe sich im Menschen Werner Franz einiges verändert. "Damals musste ich einen Winter pausieren und damit brach für mich die ganze Welt zusammen. Aber ich habe seitdem dazugelernt, es gibt auch andere Dinge im Leben."

Nach zwei OPs in der chilenischen Hauptstadt Santiago - bei der ersten wurde in einem Noteingriff eine Amputation abgewendet - und zwei weiteren in Österreich vertreibt sich Franz nun die Zeit mit "liegen, Fuß hochlagern, lesen und fernsehen". "Danach werde ich mit lockerem Radfahren beginnen, Therapie und Reha betreiben." Sein großes Jahresziel lautet: "Wenn ich bis Weihnachten wieder gerade gehen kann, dann ist schon viel geschehen."

"Schienbein ist wieder perfekt in der Achse"
In Österreich fühlt sich der Sieger von zwei Weltcup-Rennen in besten Händen, Starchirurg Schenk bügelte bei seinen Eingriffen die eine oder andere in Südamerika begangene Schlamperei aus. "Das Schienbein ist jetzt gerade und perfekt in der Achse", weiß Franz.

An den Unfallhergang erinnert sich der große ÖSV-Pechvogel so: "Das war einer der schwersten Stürze meiner gesamten Karriere. Nach einer Bestzeit im vorigen Lauf wollte ich eine ruhige, runde Fahrt hinlegen. Plötzlich hat es mir bei hoher Geschwindigkeit den einen Schuh auf den anderen geschlagen und die Ski gingen ab wie eine Rakete. Mit dem Rücken am Boden fädelte ich bei einem Schneehügel ein, die Wucht der Geschwindigkeit verursachte mehrere Saltos. Das Fatale dabei war, dass die Bindung nicht aufgegangen ist."

Rechtes Bein stand fast im rechten Winkel weg
Damit begann der grausame Leidensweg. Das rechte Bein stand fast im rechten Winkel weg, Franz dachte im Schockzustand an eine Amputation und hatte "höllische Schmerzen" - der ÖSV-Arzt verpasste Franz zur ersten Schmerzstillung gleich auf der Piste fünf Spritzen. "Durch die Schmerzen war ich komplett daneben. Ich habe teilweise nicht gewusst, wo ich bin und was ich tue. Die zehn Tage von der Verletzung bis zur ersten Operation in Österreich waren nur grausam. Der Rückflug nach Österreich war eine einzige Katastrophe. Ich war immer nur froh, dass ich mein Bein und meine Zehen gesehen habe. Denn da wird einem schlagartig bewusst, dass alles andere unwichtig ist."

Wenn es eine positive Seite des Horror-Crashs gibt, dann ist es die Tatsache, dass der Familienvater nun daheim in Weissbriach Zeit genug für seine Gattin Gabrielle und seine Kinder Werner junior, Lisa-Marie und Vanessa hat. "Die Kinder haben die größte Gaudi, aber meine Frau sagt, dass sie jetzt noch ein Kind mehr daheim hat. Spaß beiseite: die Gabi kümmert sich wirklich sensationell um mich."

Der Kontakt zu seinen ÖSV-Teamkollegen beschränkt sich derzeit aufs Telefonieren. "Auf Besuch war noch keiner. Aber das kann ich ihnen auch nicht verübeln. So knapp vor der Saison so eine schwere Verletzung zu sehen, wäre sicher nicht leicht. Vor allem weil jeder Rennfahrer weiß, dass es innerhalb einer Sekunde jedem so gehen kann." (apa/red)

5.10.2005 12:38