Samstag, 8. Oktober 2005

Nach verheerendem Erdbeben in Pakistan:
"Schreckliche Lage" für Opfer in der Region

  • Leben von über 10.000 Kindern bedroht.
    Zwei schwere Nachbeben erschüttern Pakistan
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Rund eineinhalb Wochen nach dem Erdbeben in Südasien leiden die Überlebenden im Katastrophengebiet weiter unter Kälte und mangelnder Versorgung. Das UN- Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (Ocha) sprach am Mittwoch in Genf von einer "schrecklichen Lage für Millionen Menschen in Pakistan". Noch immer könne zehntausenden Menschen nicht geholfen werden.

Das Kinderhilfswerk UNICEF warnte, in den kommenden Wochen könnten mehr als 10.000 Kinder an den Folgen ihrer Verletzungen, an Unterkühlung und Krankheiten sterben. Nachbeben sorgten für Panik in Indien und Pakistan. Die bestätigte Opferzahl stieg auf fast 50.000 an.

Der landesweite Leiter der Rettungsoperationen in Pakistan, Generalmajor Farooq Ahmad Khan, bestätigte 47.700 Todesopfer. Die Schätzungen der pakistanischen Regionalregierungen sind allerdings wesentlich höher. Diesen Angaben zufolge wurden im pakistanischen Teil Kaschmirs mindestens 53.000 und in der Nordwest-Grenzprovinz mindestens 35.000 Menschen getötet. Im indischen Teil Kaschmirs starben in Folge des Erdbebens vom 8. Oktober mindestens 1.600 Menschen. Ein weiterer Anstieg der Opferzahl wird befürchtet.

Das UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (Ocha) teilte mit, die "logistischen Herausforderungen" seien bei noch keiner Aktion dieser Art so groß gewesen. Da der Winter die Region erreicht habe, lebten die Menschen bei Temperaturen unter Null Grad Celsius im Freien. Zehntausende könnten nicht erreicht werden, da die Straßen unpassierbar seien und Hubschrauber wegen der Wetterverhältnisse nicht landen könnten. Auch unter den Helfern mache sich Verzweiflung breit, da diese Herausforderungen kaum zu bewältigen seien.

Drei Millionen Obdachlose
Die Zahl der Obdachlosen wird laut Ocha auf zwischen 2,8 und 3,2 Millionen geschätzt. Von den angeforderten internationalen Hilfen in Höhe von 312 Millionen Dollar (260 Millionen Euro) seien erst 14 Millionen eingetroffen. UNICEF geht davon aus, dass allein 32.000 Kinder tot, 42 000 verletzt und 160.000 bis 250.000 Kinder ohne jeden Beistand sind. Rund 120.000 Kinder in entlegenen Dörfern seien immer noch ohne Hilfe. Auf einer Fläche von 28.000 Quadratkilometern - das entspricht fast der Fläche Brandenburgs - sei die Infrastruktur mit Gesundheitszentren, Regierungsgebäuden oder Schulen zerstört.

Die NATO begann mit dem Einsatz der neu geschaffenen schnellen Eingreiftruppe NRF (NATO Response Force) zur Erdbebenhilfe in Pakistan. Die Soldaten sollen 860 Tonnen Zelte, Decken und Heizöfen im Auftrag der UN-Flüchtlingsbehörde UNHCR nach Pakistan schaffen. Tausende Menschen in den Katastrophengebieten Pakistans und Indiens flohen am Mittwoch bei Nachbeben aus ihren Häusern. Angaben über Opfer oder neue Schäden lagen nicht vor.

Die indische Regierung begrüßte unterdessen das Angebot des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf, die Waffenstillstandslinie in Kaschmir zu öffnen. Man warte auf offizielle Angaben aus Islamabad, wie der Vorschlag umzusetzen sei, sagte der Sprecher des indischen Außenministeriums, Navtej Sarna. Musharraf hatte gesagt, Pakistan sei bereit, die de-facto-Grenze in der geteilten Region für Kaschmirer zu öffnen, die im Katastrophengebiet helfen oder Angehörige suchen wollten.

Starke Nachbeben
Die zerstörte Krisenregion im Norden Pakistans ist Mittwoch früh von kräftigen Nachbeben erschüttert worden. Es waren die stärksten Erdstöße in Kaschmir seit dem Beben vom 8. Oktober, bei dem mindestens 42.000 Menschen starben.

Zunächst gab es keine Berichte von Toten oder Verletzten. Es kam Augenzeugen zufolge jedoch zu Erdrutschen - und gerade die fürchten die Helfer am meisten. Denn unzählige Menschen sind immer noch ohne Unterstützung von außen, weil Straßen in der Gebirgsregion zerstört sind. Es werde noch Wochen dauern, bis sich das Militär durch die Erdrutsche hindurch bis zum entlegenen, oberen Neelum-Tal vorgearbeitet habe, sagten Offiziere.

Betroffene und Helfer hoffen indes, dass die Streitigkeiten zwischen Pakistan und Indien in der zwischen beiden Ländern aufgeteilten Region Kaschmir angesichts der Katastrophe in den Hintergrund treten. Pakistans Präsident Pervez Musharraf bot überraschend an, den Bewohnern Kaschmirs für Hilfseinsätze die Überquerung der Grenze zu erlauben.

Panik unter der Bevölkerung
Die Erde bebte in der Umgebung der Stadt Muzaffarabad mit einer Stärke von 5,8. Menschen strömten auf die Straßen, eine größere Panik brach aber nicht aus. Nicht einmal eine Stunde später folgte ein Beben der Stärke 5,6. Auch im indischen Teil Kaschmirs waren die Erdstöße zu spüren.

"Ich sehe einige Erdrutsche, die die Nachbeben ausgelöst haben. Aber von Opfern habe ich bisher nichts gehört", sagte Oberstleutnant Saeed Iqbal. Die Armee hat bisher lediglich einige Kilometer Straße oberhalb des Tals von Muzaffarabad geräumt. Durch das Nachbeben fiel erneut Geröll auf etwa ein Viertel des geräumten Wegs.

(apa)

8.10.2005 06:47