Montag, 3. Oktober 2005

Geheimdienst-Akte zum Papst: Stasi hatte bis zu acht Agenten auf Ratzinger angesetzt

  • War entschiedener Gegner des Kommunismus
  • Suche nach Dokumenten aus seiner Hitlerjugend

Die DDR-Staatssicherheit hat den heutigen Papst Benedikt XVI. ab 1974 beobachtet. Zeitweilig seien bis zu acht Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der für Spionage zuständigen Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) auf den früheren Kardinal Joseph Ratzinger angesetzt gewesen, sagte ein Sprecher der Stasiunterlagen-Behörde am Montag. Er bestätigte damit einen Bericht der "Bild am Sonntag".

Ratzinger sei jedoch nicht ständig von acht IM observiert worden. Von diesen seien mittlerweile zwei enttarnt worden, die unter den Decknamen "Antonius" und "Lichtblick" geführt worden seien. Der Papst habe der Veröffentlichung der Unterlagen über ihn ausdrücklich zugestimmt, sagte der Sprecher.

Der erste Eintrag über Ratzinger stammt den Angaben zufolge aus dem Jahr 1974, als der damalige Münsteraner Theologieprofessor in Erfurt einen Vortrag vor Studenten hielt. Es gebe insgesamt etwa zwei Dutzend Berichte über Ratzinger. Sie befassten sich unter anderem mit einem Besuch Ratzingers beim DDR-Katholikentag 1987 in Dresden. In anderen Dossiers über den heutigen Papst sei es um den westdeutschen katholischen Klerus, die Ostpolitik, die Lage in Polen und Ratzingers Verhältnis zum polnischen Papst Johannes Paul II. gegangen. In den Unterlagen der Stasi sei Ratzinger als entschiedener Gegner des Kommunismus dargestellt worden.

Aus Akten der von Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler geleiteten Behörde gehe auch hervor, dass die Stasi nach belastenden Dokumenten aus der Jugend Ratzingers im Dritten Reiches suchte, hieß es weiter. Sie seien jedoch nicht gefunden worden.

Im DDR-Ministerium für Staatssicherheit gab es mit der Hauptabteilung XX/4 eine Einheit, die sich ausschließlich mit den Kirchen befasste. "Die Kirche und ihre Mitarbeiter waren im kalten Krieg für die Stasi und osteuropäischen Geheimdienste aus der Sowjetunion, Polen, und Ungarn sehr interessant, da viele Oppositionelle in der Kirche organisiert waren oder ihr sehr nahe standen", sagte Birthlers Vorgänger Joachim Gauck, der "Bild am Sonntag". In beiden großen Kirchen in Ost und West habe es Stasi-IM gegeben, sagte der frühere Pfarrer Gauck. (apa/red)

3.10.2005 12:22