Freitag, 7. Oktober 2005

Spektakulärer Kunstraub: Vier Festnahmen wegen in Italien gestohlener Funde aus Linz

  • Ermittlungen gegen weitere 20 Personen laufen
  • Linzer Pensionist bestreitet alle Vorwürfe gegen ihn

Die groß angelegte Aktion der italienischen und der österreichischen Polizei, die zur Beschlagnahme von rund 600 aus der Nähe von Rom stammenden Exponaten aus der Etruskerzeit in Linz geführt hat, zieht offenbar weitere Kreise. Nach Angaben der römischen Carabinieri, welche die Operation mit oberösterreichischen Polizeikräften und dem Bundeskriminalamt durchgeführt haben, sind zwei Oberösterreicher in den Sog der Ermittlungen geraten.

Neben dem Linzer Pensionisten Rupert Aichmeir, der am Freitag seine Schuldlosigkeit bekräftigte und gegen den es seitens des Linzer Landesgerichts auch kein Verfahren mehr gibt, soll es sich laut italienischer Exekutive bei dem Verdächtigen um einen Mitarbeiter des 84-jährigen Privatgelehrten handeln. Weitere Anzeigen im Linzer Raum werden nicht ausgeschlossen, berichtete der Carabinieri-Kommandant Ferdinando Musella bei einer Pressekonferenz am Freitag in Rom.

Der 84-jährige Aichmeir wurde laut Carabinieri angezeigt. Der Archäologieexperte wird beschuldigt, veritable "Geheim-Museen" mit gestohlenen Archäologie-Funden aus der römischen Antike aufgebaut zu haben. Die Funde stammen mehrheitlich aus der nördlich von Rom am Tiber gelegenen Ausgrabungsstätte von Crustumerium.

In Österreich gibt es nach Angaben des oberösterreichischen Sicherheitsdirektors Alois Lißl kein Verfahren mehr. Im April wurden gegen Aichmeir Ermittlungen eingeleitet, sagte Lißl. Das Verfahren am Landesgericht Linz sei allerdings eingestellt worden, da kein Vorsatz bestanden hätte und Aichmeir entscheidend an der Aufarbeitung der Angelegenheit mitgewirkt habe.

Aichmeir selbst wies im APA-Gespräch die Vorwürfe zurück: "Wenn ich die Exponate gestohlen hätte, wäre ich doch nicht so dumm gewesen, sie öffentlich auszustellen und Vorträge - sogar mit Videoaufnahmen - über meine Tätigkeit in Italien zu halten", betonte Aichmeir.

Die Exponate habe er auf antiken internationalen Messen oder etwa auf Reisen legal gekauft und verzollt. Auch habe er sie nie in Österreich weiterverkauft, sondern mit Sammlern getauscht, betonte Aichmeir. In Italien habe er gemeinsam mit Archäologen an offiziellen Grabungen teilgenommen, dafür habe er auch bezahlt.

Im März des heurigen Jahres seien plötzlich acht Polizisten, davon drei Carabinieri, mit einem Hausdurchsuchungsbefehl vor seiner Tür gestanden. "Sie haben das ganze Haus ausgeräumt und Exponate etwa aus Zypern, alle Unterlagen für Forschungen und sogar den Schmuck meiner Frau mitgenommen", erzählte Aichmeir.

Sein Fehler sei gewesen, im März auf einem Flohmarkt in Rom um über 1.000 Euro "Scherben" eingekauft zu haben. An einer Straßenkreuzung sei er dann von Carabinieri angehalten worden, die alles beschlagnahmt hätten. So sei er ins Visier der Behörden geraten.

Weiters erklärte der 84-Jährige, nie einen Mitarbeiter gehabt zu haben. Er sei "erschüttert, was man alles an den Haaren herbeizieht, nur um einen Erfolg zu zeigen".

Die Carabinieri werfen Aichmeir hingegen vor, als Reiseführer Jahre lang archäologische Bustouren für kleinere Touristengruppe im nördlichen Teil von Rom organisiert zu haben. In den Touristenbussen, mit denen er von Italien nach Linz zurückfuhr, soll Aichmeir die Exponate versteckt haben. Diese sollen an Österreicher weiterverkauft worden sein, hieß es in Rom.

Im Sog der im Oktober 2004 aufgenommenen Ermittlungen wurden inzwischen fünf Römer festgenommen. Weitere 34 Personen, die wegen Grabschändungen bereits vorbestraft waren, wurden angezeigt, erklärten die Carabinieri in Rom. Dutzende von Hausdurchsuchungen wurden im Laufe der Aktion durchgeführt.

Den Festgenommenen wird unter anderem vorgeworfen, eine kriminelle Organisation aufgebaut zu haben, die auf illegale Ausgrabungen und den verbotenen Export archäologischer Funde spezialisiert war. Ihnen drohen Strafen bis zu sieben Jahren Haft. Die Verdächtigen sind Landwirte, die sich an dem illegalen Handel archäologischer Exponate bereichert haben sollen.

In Oberösterreich lokalisierte die Polizei bereits weitere 3.000 Funde, berichtete der Carabinieri-Kommandant. Sie befinden sich demnach in der Gegend von Linz. Die italienische Polizei will für ihre Rückkehr nach Rom sorgen. Die oberösterreichische Exekutive bestätigte das zunächst nicht.
(apa/red)

7.10.2005 11:27