Mittwoch, 28. September 2005

Türkei: Tod für die Ehre

  • Der NEWS-Report über Ehrenmorde

200 Frauen werden pro Jahr von ihren Familien getötet: durch Steinigung, Gift oder Messer.

Ihr Strickzeug ist der einzige Halt. Die Finger sind kalkweiß, so fest zurrt sie die Wolle. Die Hände übersetzen die Horrorbilder ihrer Seele: Unsichtbare Fäden, aus Angst gesponnen, schnüren ihr die Luft ab. Sie spricht atemlos, wie gehetzt im Interview und beteuert: „Ich sag meinen Namen nicht. Niemand darf mich auf dem Foto erkennen, niemand darf wissen, wo ich bin. Sonst finden sie mich, und ich bin in ein paar Tagen tot.“

Todesurteil für eine Mutter. Begonnen hat der Alptraum der 32-Jährigen mit einer Bitte an ihren Mann zuhause im Dorf: „Ich möchte die Scheidung.“ Nach 18 Ehejahren und täglichen Gewaltexzessen gegen sie und ihre vier Kinder nahm sich ihr Mann eine zweite Frau. „Sie sollte bei uns einziehen. Also bin ich zu meiner Familie gegangen. Sie waren zornig auf mich und sagten: ‚Eine Frau verlässt ihren Mann als Tote: so oder so.‘ Die Brüder und der Vater berieten und sagten, ich hätte die Ehre beschmutzt: ‚Bring dich um‘, hieß es, ‚dann geht die Sache gut aus. Sonst tun es wir.‘“ In der Nacht floh sie: ohne Kinder, zu Fuß, mit dem Bus, weg von ihrem Dorf im Südosten der Türkei in die Stadt.

Für das Foto nimmt sie ein scharfes Küchenmesser statt der Stricknadeln in die Hand. „So fühle ich mich. Als wäre ein Messer auf mich gerichtet. Jeden Moment, jeden Tag.“

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28.9.2005 17:17