Dienstag, 27. September 2005

Spektakuläre Parmalat-Pleite: Prozess gegen Firmengründer Tanzi auf 2.12 vertagt

  • Großunternehmer mit Stunde Verspätung erschienen
  • Vorwurf: Betrügerischer Konkurs & Bilanzfälschung

Unter großem Medienandrang hat am Mittwoch in Mailand der Prozess gegen den Gründer des zusammengebrochenen Lebensmittelkonzerns Parmalat, Calisto Tanzi, begonnen, der als Drahtzieher des größten Finanzskandals in Europa seit der Nachkriegszeit gilt. Tanzi, der wegen der Pleite des Milchproduzenten 2004 drei Monate in Untersuchungshaft und zwei Monate unter Hausarrest verbracht hatte, werden unter anderem betrügerischer Konkurs und Bilanzfälschung vorgeworfen. Die Verhandlung wurde auf den 2. Dezember vertagt.

Tanzi erschien mit einer Stunde Verspätung vor den Richtern. Er betrat von einem geheimen Eingang den Gerichtssaal. Der Großunternehmer weigerte sich vor Prozessbeginn auf Fragen der zahlreichen Journalisten zu antworten und saß schweigend auf der Angeklagtenbank zwischen seinen Rechtsanwälten. Diese versicherten, dass Tanzi auch bei den nächsten Gerichtsverhandlungen anwesend sein werden.

Mit Tanzi sind auch 18 führende Manager des italienischen Zweigs der Bank of America und des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Deloitte & Touche sowie eine Nichte des Großunternehmers angeklagt. Gruppen von Investoren, die wegen der Parmalat-Pleite ihre ganzen Ersparnisse verloren haben, versammelten sich vor dem Mailänder Justizpalast. Sie skandierten Slogans gegen Tanzi und die ehemalige Parmalat-Führung. Rund 135.000 geprellte Parmalat-Investoren hatten wegen des Finanzskandals Schäden in Millionenhöhe erlitten. Hunderte von Journalisten verfolgten den Prozeßbeginn.

Rechtsanwalt Carlo Federico Grosso, der Hunderte geprellte Anleger vertritt, wird als Nebenkläger am Prozess teilnehmen. "Wir kämpfen um Schadenersatz, doch es ist nicht einfach, eine Entschädigung zu erhalten", meinte Grosso.

Tanzi sowie seine Ex-Finanzdirektoren Fausto Tonna und Luciano Del Soldato drängen auf ein Schnellverfahren, bei dem sie ein Recht auf Strafbegünstigungen hätten. Dank ihrer Zusammenarbeit mit der Justiz zur Klärung des größten Finanzskandals im italienischen Wirtschaftssystem hoffen sie auf ein milderes Urteil. Ihnen drohen jedoch laut italienischen Experten bis zu 15 Jahren Haft.

Tanzis Rechtsanwälte wollen vor allem Parmalats Gläubigerbanken belasten. Die Verteidiger wollen beweisen, dass die Geldhäuser Parmalat-Anleihen emittiert hatten, obwohl sie über die finanzielle Schieflage des italienischen Lebensmittelgiganten bestens informiert waren. Die Institute hatten teilweise bis kurz vor dem Kollaps für Parmalat milliardenschwere Anleihetransaktionen getätigt. Sie hätten die Unregelmäßigkeiten früher bemerken müssen, argumentiert auch Parmalats Insolvenzverwalter Enrico Bondi, der Klagen gegen die Banken eingereicht hat.

Rückendeckung erhielt Tanzi von seinem Ex-Finanzdirektor Tonna, der als Schlüsselelement im Parmalat-Skandal gilt. "Nicht nur Tanzi, sondern auch die Banken sind für die Parmalat-Pleite verantwortlich. Tanzi war naiv, er glaubte an alle Versprechen. Er dachte, enge Beziehungen zur Politik zu haben, doch niemand hat ihn gerettet, niemand hat ihm wirklich geholfen", betonte Tonna im Interview mit der Turiner Tageszeitung "La Stampa" am Mittwoch.
(apa/red)

27.9.2005 09:39