UNO-Sonderberichterstatter Ziegler:
Hunger ist Verbrechen vs. die Menschlichkeit
- Theoretisch müsste niemand auf der Welt verhungern
- Fischler: Kaptialströme müssen transparenter werden
"Wir sind in der Lage, zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Daher ist jedes Kind, das heute an Hunger sterben muss, Opfer eines Mordes!" - Mit aufrüttelnden Worten wendet sich Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, in Erwin Wagenhofers Kino-Dokumentation "We feed the world" (Österreich-Start 30. September) an das Publikum. Bei der Premiere des Films verschärfte er seine Aussage noch zusätzlich: "Der Hunger in der Welt ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!"
Am Beginn des 21. Jahrhunderts sei es produktionstechnisch und logistisch kein Problem mehr, die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren, meinte der ehemalige Schweizer Parlamentsabgeordnete, der seit fünf Jahren in den Diensten der Vereinten Nationen steht. Wenn heute Armut und Hunger herrsche, so liege das vor allem im Verantwortungsbereich der internationalen Lebensmittelkonzerne, die rein profitorientiert operierten. Dies komme auch in Wagenhofers Film deutlich zum Ausdruck.
Fischler kritisiert Intransparennz der Kapitalströme
Eine Einschätzung, der sich mit Einschränkungen auch Franz Fischler (V), ebenfalls prominenter Gast bei der Filmpremiere, anschloss. Der ehemalige EU-Agrarkommissar kritisierte vor allem die "vollkommene Intransparenz der internationalen Kapitalströme". Er unterstütze daher jede Initiative - wie auch jene von Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina (S) -, die es sich zum Ziel mache, die Geschäfte der Megakonzerne offen zu legen. Lacina, heute Konsulent der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), spricht sich in diesem Zusammenhang für die Einführung einer internationalen Steuer (Tobin Tax) auf spekulative Finanzgeschäfte aus, um die "die Räder der Finanzwirtschaft etwas zu verkleinern", wie er sich im vergangenen Juli im Nachrichtenmagazin "profil" äußerte.
An die Adresse der Weltbank richtete Fischler den Appell, den Entwicklungsländern reale Chancen zu geben, ihre Kredite zurückzuzahlen bzw. diese zu stunden. "Die ärmsten Staaten müssen die höchsten Zinsen zahlen, das ist nicht gerecht!"
Auf die Auslandsverschuldung als Kernthema für soziale Misere und Hunger in den Ländern der Dritten Welt wies auch Ziegler eindringlich hin. So habe zum Beispiel der brasilianische Präsident Luiz Inacio "Lula" da Silva in Wirklichkeit keine Chance, sein vorbildhaftes Maßnahmenprogramm für seine 44 Millionen hungernden Landsleute zu realisieren. "Solange die Auslandsschuld Brasiliens nicht getilgt wird, solange wird Lula sein Programm nicht finanzieren können - und solange werden diese Menschen dort hungern müssen", erklärte Ziegler, der alle Bürger der demokratischen Welt aufrief, ihre Stimme zu verwenden, um ein Umdenken in Politik und Wirtschaft zu bewirken. Nur die "planetarische Zivilgesellschaft" könne wirklich etwas unternehmen gegen die "Kosmokraten, jene kalten Monster in den Megakonzernen". (apa)
