Papst gewährte Kirchenkritiker Hans Küng Audienz: Treffen fand am Samstag statt!
- Glaubensfragen wurden aber nicht angesprochen
- Gespräch "in freundschaftlicher Atmosphäre"
Papst Benedikt XVI. hat überraschend den vom Vatikan 1979 gemaßregelten Tübinger Theologen Hans Küng empfangen. Das Gespräch sei "in freundschaftlicher Atmosphäre" verlaufen, allerdings habe man keinerlei Glaubensfragen angesprochen. "Beide Seiten waren sich einig, dass es nicht sinnvoll sei, im Rahmen dieser Begegnung in einen Disput über die Lehrfragen einzutreten, die zwischen Hans Küng und dem Lehramt der katholischen Kirche bestehen", sagte Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls am Montag in Rom. Das Treffen hatte bereits am Samstag stattgefunden.
Dem gebürtigen Schweizer Küng war am 15. Dezember 1979 von der Vatikanischen Glaubenskongregation unter Ratzingers Vorgänger Franjo Seper wegen "abweichender" theologischer Meinungen die Lehrerlaubnis für katholische Theologie entzogen worden, wie die "Kathpress" meldete.
Küng hat in seinen Publikationen unter anderem die von der Kirche zum Dogma erhobene Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen kritisiert. Später wandte er sich gegen einen römischen Zentralismus etwa bei Bischofsernennungen. In den vergangenen Jahren verurteilte er immer wieder die konservative Haltung des Vatikans. Er war auch ein scharfer Gegner der Positionen von Papst Johannes Paul II. Im April äußerte er sich enttäuscht über die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst.
Der 77 Jahre alte Küng sagte im AP-Gespräch, er sei sicher, dass das Treffen in der katholischen Welt als ein hoffnungsvolles Zeichen gesehen werde. Denn es zeige, dass Benedikt mehr positive Absichten habe als manche zu Beginn seines Pontifikats erwartet hätten. Das Gespräch sei ermunternd, sehr konstruktiv und sogar freundlich verlaufen. Es sei ein Schritt nach vorn, doch von Versöhnung wolle er nicht sprechen. Es sei vielmehr ein Zeichen gegenseitigen Respekts.
Küng: Treffen "hoffnungsvolles Zeichen"
Der Vatikan-kritische katholische Theologe Hans Küng hat sein Treffen mit Papst Benedikt XVI. als "hoffnungsvolles Zeichen" bezeichnet. In dem Gespräch am Samstag sei es zunächst um das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion gegangen und von Glaube und Evolutionstheorie, sagte Küng der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstagausgabe). Danach über die Frage, wie ein den Religionen gemeinsames "Weltethos" aussehen könne.
Er habe den Papst als "aufmerksamen und offenen Gesprächspartner" erlebt, sagte Küng. Das Gespräch sei "ohne jede Polemik" gewesen. Man habe "nicht über Dokumente, sondern über Aufgaben und Probleme" geredet und anschließend zusammen gegessen.
Küng berichtete demnach weiter, er habe wenige Wochen nach der Wahl Benedikts XVI. im April, die er noch öffentlich kritisiert hatte, an das neue Kirchenoberhaupt geschrieben, "in der Hoffnung, dass trotz aller unterschiedlicher Auffassungen ein Dialog zustande kommt". In dem Schreiben habe er klar gemacht, dass er nicht die Rückgabe seiner 1979 entzogenen Lehrbefungnis fordern wolle. Der Papst habe "rasch und sehr freundlich geantwortet" und ihn eingeladen. Die beiden Theologen hatten in den sechziger Jahren gemeinsam in Tübingen gelehrt. Zuletzt waren sie sich 1983 begegnet.
Der Vatikan-Sprecher betonte den persönlichen Charakter des Treffens der beiden Theologen, die sich bereits aus der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) kennen und in Tübingen eine Zeit lang gemeinsam als Dogmatik-Professoren arbeiteten.
Das Oberhaupt der katholischen Kirche und Küng hätten eine "freundschaftliche" theologische Diskussion geführt, sagte Navarro-Valls. Das Gespräch habe sich auf Küngs Bemühungen um ein "Weltethos" konzentriert. Weiteres Thema sei der Dialog zwischen Naturwissenschaften und Glauben gewesen.
Küng habe gesagt, bei seinem Projekt "Weltethos" gehe es nicht um eine abstrakte intellektuelle Konstruktion, sondern um gemeinsame moralische Werte der großen Weltreligionen. Der Papst habe das Bemühen gewürdigt. "Der Einsatz für ein erneuertes Bewusstsein der das menschliche Leben tragenden Werte" sei auch "ein wesentliches Anliegen seines Pontifikates", fügte der deutsche Papst hinzu.
Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche lobte auch das Bemühen Küngs, "die Gottesfrage dem naturwissenschaftlichen Denken gegenüber in ihrer Vernünftigkeit und Notwendigkeit zur Geltung zu bringen".(apa)
