Mittwoch, 28. September 2005

"Wir sind genau im Plan": Hubert Gorbach will Tempo 160 auf den Autobahnen durchboxen!

  • Verkehrsminister: Sind im Finale des "Fact findings"
  • Opposition dagegen: Kritik von Eder und Glawischnig
    UMFRAGE: Sind Sie für Tempo 160 auf Autobahnen?

Bei der Einrichtung von Autobahn-Teststrecken, auf denen 160 km/h gefahren werden darf, sei man "genau im Plan". Wie Vizekanzler Hubert Gorbach (B) im Rahmen einer Asfinag-Pressekonferenz am Mittwoch in Graz sagte, befinde man sich derzeit "im Finale des Fact findings", zur Umsetzung werde es im Frühjahr 2006 kommen. Untersucht würden acht bis zehn Abschnitte mit 20 bis 25 Kilometern Länge, wobei er sich vor einer Verordnung jede Strecke persönlich anschauen und mit den Verantwortlichen vor Ort reden wolle.

Gorbach wiederholte, dass Tempo 160 nur dann erlaubt werden soll, wenn die Verkehrssicherheit nicht reduziert wird und eine flexible Tempovorgabe über eine Steuerungsmöglichkeit (Verkehrsbeeinflussungsanlage) gewährleistet ist. Dass mehr Tempo mehr Tote bedeute, wies er - unter Hinweis auf deutsche Statistiken - als "falsche Milchmädchenrechnung" zurück. Denn: "Da kann es viel rowdyhafter sein, wenn in Tempo-30-Zonen 50 gefahren wird."

Mit der Einrichtung der Abschnitte würden die Toleranzgrenzen auf Null reduziert und die Rechtsfahrordnung "forciert". Erneut begründete Gorbach, dass sich seit Einführung von Tempo 130 auf Autobahnen vor drei Jahrzehnten die Technik weiterentwickelt habe - dem müsse man Rechnung tragen.

"Da haben mich einige immer noch unterschätzt", meinte der Vizekanzler über das aktuelle Medienecho in Folge einer Zwischenbilanz, die genau seinen Plänen folge. Auf die vom steirischen ÖVP-Klubobmann reklamierte Urheberschaft - er hatte damit 2003 ein Sommerthema landen können - räumte der BZÖ-Politiker ein, wer das Urheberrecht beanspruche, sei für ihn nachrangig.

Eder und Glawischnig mit Kritik
Das Vorhaben des Verkehrsministeriums, im Frühjahr 2006 eine Tempo-160-Teststrecke auf einem Autobahn-Teilstück einzurichten, rief am Donnerstag neuerlich Kritiker auf den Plan: SPÖ-Verkehrssprecher Kurt Eder bezeichnete Tempo 160 als "völlig falsches Signal", laut VCÖ (Verkehrsclub Österreich) würde sich das Unfallrisiko um 46 Prozent erhöhen. Die Umweltsprecherin der Grünen, Eva Glawischnig, sprach von "legalisiertem Rasen", das zusätzliche Tote und Verletzte zur Folge hätte.

Eder nannte die geplante Erhöhung des Tempolimits ein "Ablenkungsmanöver" von Gorbach, der bei wichtigen Fragen wie beim Ausbau essenzieller Straßen- und Schienenprojekte "nichts weiter bringt", wie der SPÖ-Verkehrssprecher in einer Aussendung kritisierte. Viel wichtiger sei es, Maßnahmen zu setzen, um die Todesrate auf den Straßen zu verringern. Da sei ein höheres Geschwindigkeitslimit kontraproduktiv.

Glawischnig verwies in einer Aussendung auf eine von den Grünen in Auftrag gegebene VCÖ-Studie, wonach pro Jahr mit fünf zusätzlichen Toten und 120 zusätzlichen Verletzten zu rechnen wäre. "Anstatt sich weiterhin in eine verpfuschte Idee zu verrennen, soll sich die Regierung auf die dringenden Mängel und Fehler im Forschungs- und Infrastrukturbereich konzentrieren", erklärte die Umweltsprecherin.

Der VCÖ (Verkehrsclub Österreich) erneuerte auch selbst seine Kritik an der vorgesehenen Einführung von Tempo 160 und verwies auf eine eigene Studie, nach der das Risiko für tödliche Unfälle um 116 Prozent und das Verletzungsrisiko um 77 Prozent steige.

Einer Untersuchung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) zufolge wäre bei einer Geschwindigkeitserhöhung um 30 auf 160 km/h ein Anstieg des Unfallgeschehens um 15 bis 30 Prozent zu erwarten. Dieses Schluss lassen internationale Erfahrungen zu. In der Untersuchung macht das KfV auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: Eine Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit fördert die Entstehung von Staus.

"Durch eine Anhebung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit kommt es zu einem heterogenen Verkehrsablauf. Die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen schnell und langsam fahrenden Fahrzeugen steigen an, wodurch es zu einer verstärkten Staubildung kommt", heißt es in der Studie. Bei niedrigeren Geschwindigkeiten werde viel dichter aufgefahren, bei hohen Geschwindigkeiten seien die Abstände zwischen den Fahrzeugen größer. Dementsprechend würden die größten "Fahrstreifenleistungen" ungefähr bei Tempo 60 festgestellt.

Der Anhalteweg, der bei Tempo 130 und optimalen Bedingungen 113 Meter ausmacht, beträgt bei 160 km/h 161 Meter. Außerdem: Der Treibstoffverbrauch ist laut KfV bei Tempo 160 um 23 Prozent höher als bei 130 km/h. Schalldruckpegel sowie Kohlendioxid- und Stickstoffemissionen steigen ebenfalls an.

Heftige Kritik aus Oberösterreich
Heftige Kritik an Tempo 160 ist neuerlich aus Oberösterreich gekommen. Landeshauptmann Josef Pühringer (V) und sein Stellvertreter Verkehrsreferent Erich Haider (S) bekräftigten in Presseaussendungen ihre Ablehnung einer möglichen Teststrecke auf der A1, der Westautobahn, zwischen Haid und Sattledt. Zahlreiche Argumente würden dagegen sprechen, u.a. das erhöhte Sicherheitsrisiko und die höchste Lkw-Dichte Österreichs in diesem Autobahnabschnitt.

Haider habe bereits in der Sitzung der Landesregierung im vergangenen Februar den Antrag eingebracht, "dass das derzeit von Vizekanzler Gorbach in Diskussion gebrachte Tempolimit von 160 km/h auf Autobahnen in Oberösterreich nicht umgesetzt wird". Dieser Antrag sei in der Regierung einstimmig angenommen und auch bei der Bundesregierung deponiert worden, so die Politiker. Pühringer geht davon aus, dass eine solche Teststrecke nicht gegen den Willen des Landes eingerichtet werde, Haider kündigte an, dass er den "Gorbachplan" mit Expertengutachten rechtlich bekämpfen werden.

ÖAMTC: Österreicher sind dafür
Der ÖAMTC wies in einer Aussendung darauf hin, dass laut einer Umfrage sechs von zehn österreichischen Autofahrern "ja" zu einer Anhebung des Tempolimits auf Autobahnen sagen. Jeder dritte Lenker könne sich sogar vorstellen, dass das Tempolimit auf 160 km/h erhöht wird. Die Voraussetzung: Eine gut ausgebaute Autobahn mit wenig Verkehr bei guten Wetterbedingungen.

Ein "Ja zu 160 km/h auf den Autobahnen mit einer flexiblen Temporeduzierung dort, wo es die Verkehrssicherheit oder Witterungsverhältnisse notwendig und sinnvoll erscheinen lassen", kam von FPÖ-Obmann Hans Christian Strache, der in Gorbachs Plan allerdings nur einen "faulen Stimmenfang-Versuch" sieht, bei dem Tempo 160 als "autofahrerfreundliche Maßnahme" weiterhin auf der Strecke bleiben werde. Deutschland zeige, dass eine Tempoanhebung gut und sinnvoll sei, ohne dass die Verkehrssicherheit beeinträchtigt werde, erklärte Strache in einer Aussendung. (apa/red)

28.9.2005 22:19