Montag, 19. September 2005

Gute Ernte & schlechte Aussichten: Winzer in Frankreich kämpfen mit Überproduktion

  • 55 Mio. Hektoliter Wein allein 2005 drücken die Preise
  • Weiterer Grund für Krise: Stetig sinkender Verbrauch

Viel schlechter könnte die Stimmung nicht sein zum Auftakt der Weinlese in Frankreich - dabei steht eine außergewöhnliche Ernte und ein vielversprechender Jahrgang bevor. Doch eine ergiebige Saison bringt zuviel Wein auf den Markt und drückt die Preise. Zu Beginn der Lese zog das Staatliche Institut für geschützte Herkunftsbezeichnungen (INAO) deshalb die Notbremse und verhängte neue Produktionsobergrenzen. Winzer müssen massenweise Weinstöcke vernichten und Wein aus den vergangenen Jahren wegschütten oder zu Industriealkohol verarbeiten lassen.

Rund 55 Millionen Hektoliter Wein, also immerhin 5,5 Milliarden Liter werden nach Schätzung des Pariser Agrarministeriums in diesem Jahr in Frankreich gekeltert. In den Gebieten mit geschützter Herkunftsbezeichnung (AOC) müssen dafür 1,5 Millionen Hektoliter weniger produziert werden als im vergangenen Jahr. Denn in den Kellern vieler romantischer Weingüter Frankreichs lagern noch über 28 Millionen Hektoliter aus vergangenen Ernten - das sind fünf Millionen Hektoliter mehr als 2004.

Stetig sinkender Verbrauch
Ein Grund der Weinkrise ist der seit 50 Jahren stetig sinkende Verbrauch in Frankreich. Vor dem Hintergrund von Gesundheitspolitik und entschlossenen Kampagnen zur Verkehrssicherheit ging auch in der vergangenen Weinsaison von August 2004 bis Juli 2005 der Konsum um zwei Prozent zurück. Besonders beunruhigend ist jedoch, dass auch der Export, der jahrelang das Standbein der Weinwirtschaft war, schwächelt: Im ersten Halbjahr 2005 ging die Weinausfuhr um 6,2 Prozent zurück - Champagner und Schaumweine ausgenommen. Die großen Konkurrenten sind Weine aus Australien, Südafrika und Chile. Und auch die Spanier holen auf.

Marketing als Tabuthema
Wie Frankreichs Winzer die Krise überwinden können, ist heftig umstritten. Während die Muscadet-Winzer auf Produktionssenkung setzen und in diesem Jahr tausend Hektar Weinstöcke ausreißen, gehen im burgundischen Macon die Weinbauern auf die Straße, um gegen die Obergrenzen zu protestieren. Der Soziologe und Weinkenner Gerard Mermet sieht einen Teil der Schuld bei den Winzern selbst, die sich weder für den Markt noch die Vermarktung interessierten: "Man sieht die Welt durch die Franzosenbrille und findet, dass die Welt sich anpassen muss", sagt er. "Das Wort "Marketing" ist tabu, das Wort "Produkt" ist verboten. Der Wein gehört zur Kultur und deshalb tun alle so, als sei er nicht Teil eines Handelssystems." (APA/red.)

19.9.2005 13:22