Simon Wiesenthal, 19082005: Der Mahner und Kämpfer gegen das Vergessen ist tot.
- Das Gewissen Österreichs: Die ganze Welt nimmt in NEWS Abschied von einem großen Österreicher

Am Ende war er allein. Das Büro in der Innenstadt, wo sein ganzes Leben und Weiterleben in Regalfluchten geordnet ist, hatte er seit Jahren nicht mehr betreten. 2003 starb ihm Cylia, die Ehefrau. Da begann er zu verstummen.
Zwei Altenbetreuer gewährleisteten ihm den täglichen Lebensverlauf im Haus an der Wiener Peripherie, während er schweigend auf dem Sofa lehnte. Als Simon Wiesenthal am vergangenen Montag um vier Uhr früh starb, hatte er schon lang Abschied genommen. Pauline, die Tochter, kam erst zum Begräbnis aus Paris. Seine Briefmarkensammlung liebte er sehr, das österreichische Kabarett und am meisten den Urenkel, der wie er am 31. Dezember zur Welt kam. Es ist wichtig, dass wir Kinder haben, pflegte er zu sagen. Denn das heißt, dass die Nazis nicht gewonnen haben. Verloren haben sie zwar nicht, aber auch nicht gewonnen.
Als man ihn noch im Büro besuchen konnte, führte der Weg in den dritten Stock des Hauses Salztorgasse 6 durch ein Spalier der Schande. Schwere polizeiliche Bewachung auf den Gängen, mürrisch der ungeliebten Routine genügend. Ich merke es nicht mehr, sagte der weltberühmte Mann, der überall nur nicht daheim geehrt wurde wie kaum einer. Hier schimpften sie ihm auf der Straße nach, und ein Büro hatte er nach Anrainerprotesten schon räumen müssen. Das Dokumentationszentrum des Bundes jüdischer Verfolgter des Nazi-Regimes brauchte Bewachung, keine Frage.
Und keineswegs nur gegen das Gesindel, das ihm eine Bombe nachhause geschickt hatte. Die Gemeinheit in Österreich funktioniert anders, verblümter. In Wien, so erzählte er, habe ihn ein Brief
mit der Anschrift Simon Wiesenthal, Saujud, erreicht. Die unvollständige Adresse war amtlich ergänzt worden. Daraufhin fragte er bei der Postdirektion nach, ob er denn jetzt der amtlich festgestellte Saujud von Wien sei.
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