Freitag, 23. September 2005

Es sollte ein Geheimnis bleiben: Ratzingers Wahl zum neuen Papst war eher knapp

  • Erst nach Rückzug des Argentiniers Bergoglio möglich
  • Mit nur 84 Stimmen im vierten Wahlgang gewählt

Es hätte ein Geheimnis für alle Ewigkeit bleiben sollen, ein Geheimnis im Schoße der Katholischen Kirche, doch nun hat ein "großer Unbekannter" alles ausgeplaudert: Kardinal Joseph Ratzinger wurde am 19. April mit einer vergleichsweise "knappen" Stimmenzahl zum Papst gewählt. Und entgegen bisherigen Spekulationen war es kein Europäer, sondern ein Kardinal aus Lateinamerika, der sein schärfster Rivale im Konklave war: Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio. Fast wäre es zu einer Blockade gegen den streng- konservativen Deutschen gekommen. Die Enthüllungen eines anonymen Kardinals in Form eines "Tagebuchs" unter dem Titel "So wählten wir Papst Ratzinger" - von der italienische Politikzeitschrift "Limes" am Freitag veröffentlicht - sind eine Sensation.

84 Stimmen seien im alles entscheidenden vierten Wahlgang auf den Mann aus Bayern entfallen, schreibt der Unbekannte - das sind lediglich sieben Stimmen mehr als die notwendige Zwei-Drittel- Mehrheit. Bisher hatten deutsche Kardinäle und Stimmen aus dem Vatikan gerne den Eindruck erweckt, die Mehrheit viel größer gewesen, teilweise war von "Einmütigkeit" die Rede, von über 100 Stimmen für Benedikt XVI. Dagegen heißt es in dem "Tagebuch", selbst im dritten Wahlgang seien noch 40 Stimmen auf den Argentinier Jorge Mario Bergoglio entfallen (auf Ratzinger: 72). Die Zeitung "Corriere della Sera" meint gar, der Ratzinger-Rivale habe vor dem letzten Wahlgang ausdrücklich seinen "Rückzug" erklärt - nur dadurch sei die Wahl des Deutschen möglich geworden.

Ein "Papst aus dem Süden", aus Lateinamerika oder Afrika - davon hatten Kenner und Insider im Vatikan zuvor Jahre lang gesprochen. Es sollte ein "Zeichen zum Aufbruch" der Kirche sein, ein Zeichen der "Öffnung". Schließlich leben die meisten Katholiken heute in der Dritten Welt, dort sind die Kirchen lebendig, die Gotteshäuser gefüllt, dort nagt nicht der "Zeitgeist der Moderne".

Der Jesuit Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, entschiedener Befürworter von Sozialreformen in Entwicklungsländern und ein Kirchenmann, der zu den windigen Politikern seiner Region auf klare Distanz geht, galt als Symbolfigur für einen solchen "Aufbruch". So betont der anonyme Kardinal in seinem "Tagebuch", der Argentinier habe von Beginn des Konklave an klar an zweiter Stelle hinter Ratzinger gelegen: "Bergoglio war die echte Überraschung vom ersten Wahlgang."

Wie ein Krimi lesen sich die Enthüllungen. Der alles entscheidende Moment der Konklave sei der Beginn des zweiten Tages gewesen: Zwar habe Ratziger immer mehr Stimmen erhalten, aber auch der Argentinier habe immer weiter zugelegt. "Die Hoffnungen der Minderheit schienen wahr zu werden", schreibt der Unbekannte: Eine Patt, eine Blockade deutete sich an. Die Wende habe es dann beim Mittagessen gegeben, immer hektischer seien die Kontakte der "Strippenzieher" geworden. "Noch war der Ausgang nicht sicher", hieß das Wort der Stunde. Einige Kardinäle hätten bereits darauf spekuliert, beim Patt müssten neue Kandidaten an die Front - das wäre das Aus für Ratzinger gewesen.

"Die Kirche ist noch nicht reif für einen Papst aus Lateinamerika", habe der belgische Kardinal Godfried Danneels nach der Wahl gesagt. Das "Tagebuch" des Unbekannten äußert sich eher ratlos: "Wie wissen nicht, welche Purpurträger - und aus welchen Motiven heraus - ihre Unterstützung für den Argentinier aufgegeben haben."
(apa)

23.9.2005 14:15