Dienstag, 20. September 2005

Wiesenthal wurde in Israel begesetzt: Mehrere hundert Trauergäste anwesend!

  • Grabrede von Morak: "Er war einer von uns"
  • PLUS: BILDER vom Abschied & Wiesenthal-Porträt

Der am vergangenen Dienstag im Alter 96jährig in Wien gestorbene "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal ist in der israelischen Stadt Herzliya bestattet worden. Vor hunderten Trauergästen wurde das Werk Wiesenthals gewürdigt, der sein Leben der Suche und Verfolgung von Nazi-Verbrechern gewidmet hatte. "Niemand hat mehr als er dafür getan, die Täter des größten Verbrechens der Geschichte vor Gericht zu bringen", sagte Rabbi Marvin Hier, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums.

Kunststaatssekretär Franz Morak, der die Bundesregierung vertrat, sagte am Rande des Begräbnisses zur APA: "Er war einer von uns." Wiesenthal habe "für Österreich gearbeitet, in dem er unseren Blick geschärft hat". In seiner Rede vor der Trauergemeinschaft sagte Morak, Wiesenthal sei in Österreich lange auf Unverständnis gestoßen und auch zum Gegenstand innenpolitischer Anfeindungen und Verleumdungen geworden. Wiesenthals Arbeit "hat uns vor Augen geführt, dass das offizielle Österreich nach 1945 vielfach nicht mit dem erforderlichen Nachdruck die Verfolgung jener betrieben hat, die an den nationalsozialistischen Verbrechen schuldhaft Anteil getragen haben." Durch sein Wirken habe er eine wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen, "dass Österreich seit Mitte der 90iger Jahre - spät, aber doch - begonnen hat, aktiv seine nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten", unterstrich der Staatssekretär.

Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny würdigte den verstorbenen Ehrenbürger Wiens als "eine Sorte von Mensch, die es so selten gibt: Hart in der Sache, verbindlich im Ton." Was Wiesenthal für die Menschheit getan habe, gehe weit über eine Person hinaus, so der Kulturstadtrat: "Den Opfern ihr Recht zurück zu geben, bei den verdrängenden Überlebenden die Wahrheit einzumahnen, das Vergessen als Volkskrankheit zu therapieren." Wiesenthal habe vielleicht der ganzen Menschheit Würde wiedergegeben, indem er nach der Wahrheit geforscht habe. Er habe der Menschheit den grundlegenden Unterschied zwischen Recht und Rache beigebracht und sein Wirken habe der Zivilisation nach dem Holocaust wieder ein menschliches Antlitz verliehen.

Der offizielle Vertreter Israels, der für die Diaspora zuständige stellvertretende Minister Michael Melchior, würdigte Wiesenthal mit den Worten: "Jeder Verbrecher - auch jene, die nicht gefasst wurden - wusste, dass da einer unermüdlich nach ihnen suchte." Wiesenthal habe aber auch einer ganzen Generation gezeigt, wie man aus der Vergangenheit "Hoffnung für die Zukunft, Hoffnung für die jüdische Nation und für die gesamte Menschheit" ziehen könne.

Wiesenthal habe sein Leben dem Kampf gegen eine Wiederholung des Horrors der Vergangenheit gewidmet, erklärte der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon laut israelischen Medien. Den Berichten zufolge hatte der Regierungschef wegen Sicherheitsbedenken auf eine Teilnahme an der Bestattung verzichtet. Der Bürgermeister von Herzlija, Jael German, nannte das "eine Schande".

Der Leichnam Wiesenthals wurde ohne Sarg, nur in einen weißen jüdischen Gebetsmantel gehüllt, aufgebahrt, während die hebräischen Trauergesänge und Gebete gesprochen wurden. Wiesenthal fand seine letzte Ruhestätte im allerersten Grab gleich nach dem Haupteingang des Friedhofes.

Schlichter Abschied am Wiener Zentralfriedhof
Mit einer schlichten Zeremonie haben sich am Mittwoch die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) und das offizielle Österreich von Simon Wiesenthal verabschiedet. Wiesenthal, weltweit geehrt und geachtet für seine Suche nach Gerechtigkeit, war am Dienstag 96-jährig in Wien gestorben. "Die Fußstapfen, die er hinterlässt, sind viel zu groß für uns", würdigte IKG-Präsident Ariel Muzicant den Verstorbenen.

Für die Verabschiedung in der Zeremonienhalle im jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofes hatte sich die Familie eine schlichte Feier gewünscht. Wiesenthals einzige Tocher Pauline Kreisberg war dazu mit ihrem Mann Gerard aus Israel angereist.

Die Reihe der Trauergäste führten neben den Spitzen der IKG Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V), der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (S), die Botschafter Israels und der USA in Österreich, Dan Ashbel und William Lee Lyons Brown Jr., sowie Kardinal Christoph Schönborn an.

Mehrere hundert Trauergäste
Insgesamt waren mehrere hundert Menschen gekommen, um von Wiesenthal Abschied zu nehmen. Der Leichnam stand während der Feier in einem von einem schlichten schwarzen Tuch verhüllten Sarg in der Mitte des Raumes.

Muzicant sagte, er habe von Wiesenthal gelernt, wie wichtig es sei, für eine gerechte Sache einzutreten und zu kämpfen. Er sei mit Wiesenthal nicht immer einer Meinung gewesen, räumte Muszicant ein. Der Verstorbene sei dennoch Lehrer, Mentor und Vorbild gewesen.

Schüssel: "Welt ist wahrhaft ärmer geworden"
Schüssel sagte, Wiesenthal sei kein Mächtiger, kein Potentat oder Staatsmann gewesen - "und dennoch hat er Macht besessen, die Dinge zu verändern und die Welt ein Stück fairer und gerechter zu machen". Ein Vermächtnis Wiesenthals sieht Schüssel im Streben nach Differenzierung und Genauigkeit, im Suchen nach Fakten. Aus diesem Streben seien der internationale Strafgerichtshof und die Kriegsverbrechertribunale erwachsen, es sei ihm um die "Individualisierung von Schuld im Gegensatz zur Kollektivschuld-These" gegangen". Mit dem Tod Wiesenthals sei die "Welt wahrhaft ärmer geworden".

Erinnerung an Vermächtnis
Der israelische Botschafter in Wien, Dan Ashbel, erinnerte bei der Trauerfeier an den Auftrag, den der Verstorbene hinterlassen habe: "Du hast uns die Aufgabe hinterlassen, die Menschheit an die Shoah zu erinnern und vor Menschenhass zu warnen. Wir teilen deine Hoffnung auf eine bessere Welt und werden deinen Auftrag und dein Werk weiterführen."

Ashbel weiter: "Du warst der Träger des Gewissens, der uns den Weg gezeigt hat, wie man Recht erreicht, Gedenken aufrecht erhält und Würde wieder aufbaut." Bedanken wolle er sich bei Wiesenthal "für sein Lebenswerk des Gedenkens an Frauen, Männer, Kinder, ja Menschen, die starben, nur weil sie Juden waren". Und der Botschafter bedauerte, dass es leider auch heute für einige noch immer keine Selbstverständlichkeit sei, den Holocaust zu verurteilen: "Auch nach dem Tod von Simon Wiesenthal gibt es noch immer diejenigen, die Gräueltaten verneinen und das Lebenswerk Wiesenthals in Frage stellen."

Häupl: "Ich verneige mich in Demut"
Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (S) erinnerte daran, dass Wiesenthal kein Bequemer gewesen sei: "Er durfte ein Unbequemer sein im Namen seiner und unser aller Sache." Und: "Ich verneige mich in Demut vor einem ganz Großen dieser Welt." Häupl zeigte sich auch dankbar, dass Wiesenthal ausgerechnet Wien als Standort für seine Tätigkeit ausgewählt habe. Freilich sei diese Tätigkeit hier nicht immer anerkannt worden, erinnerte der SPÖ-Politiker - wohl in Anspielung auf den Konflikt Wiesenthals mit Bruno Kreisky - auch an frühere Auseinandersetzungen: "Es ist ihm Unrecht geschehen. Und wenn dieses Unrecht von Freunden kommt, schmerzt es doppelt."

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg fasste das Vermächtnis Wiesenthals in einem Satz zusammen: "Gedenken, um Gerechtigkeit zu erlangen und aus der Geschichte zu lernen statt Erinnern, um zu hassen." Der Oberrabbiner verwies aber auch darauf, dass Wiesenthals Arbeit langwierig gewesen sei. Die Ursache sei wohl, dass es Staaten und Institutionen gegeben habe, welche den NS-Verbrechern geholfen haben.

Und Eisenberg betonte, dass Wiesenthals Streben nach Gerechtigkeit weit über den jüdischen Kreis hinaus gegangen sei. In diesem Sinne sprach er vom Verstorbenen als einem "großen Mensch, der täglich größer geworden ist". Dies sei wohl auch der Grund, dass die anfangs auch negative Bewertung der Arbeit Wiesenthals in Österreich später großem Respekt gewichen sei.

Nationalrat: Gedenken an Simon Wiesenthal
Auch der Nationalrat hat des verstorbenen Simon Wiesenthal gedacht. Redner aller Fraktionen würdigten die Verdienste des "Nazijägers" um die Aufarbeitung der österreichischen Geschichte und seine Ablehnung einer Kollektivschuld bei gleichzeitiger Verfolgung der Täter des NS-Regimes. Nationalratspräsident Andreas Khol (V) betonte: "Ein großer Humanist, ein Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit hat uns verlassen."

Der Nationalratspräsident verwies darauf, dass es nicht immer so selbstverständlich gewesen sei, dass Wiesenthal so einhellig Hochachtung ausgesprochen werde. Denn er habe schmerzhaft dazu beigetragen, "dass wir Österreicher ehrlicher mit unserer Geschichte umgehen." Dass man heute zu der historischen Verantwortung stehe, sei auch das Werk des "großen Österreichers" Simon Wiesenthal.

VP-Klubchef Wilhelm Molterer betonte, es sei nun "an uns, die Stafette des Erinnerns und Wachhaltens zu übernehmen". Die Person und das Wirken Wiesenhtals seien vor allem Auftrag, heute und in Zukunft gegen jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht nur aufzutreten, sondern auch dagegen anzukämpfen. Sein Prinzip Recht statt Rache sei genauso Maßstab wie sein Bekenntnis zur individuellen Schuld der Täter.

Für SP-Chef Alfred Gusenbauer war Wiesenthal einer der ersten, die entgegen einer in Österreich offensichtlich mehrheitlich vorhandenen Stimmung seine Stimme erhoben und sich ganz konkret auf die Suche nach den Tätern begeben hätten. Dieses Handeln sei gegen den Widerstand der öffentlichen Meinung und auch gegen den Widerstand der Politik erfolgt. Allein das mache sein Wirken "außerordentlich wichtig und mutig". Dass heute die Bereitschaft da sei, sich offener der Vergangenheit zu stellen, sei ein Zeichen, dass die Saat des Wirkens von Wiesenthal aufgehe: "Wir sind ihm alle zu großem Dank verpflichtet."

Herbert Scheibner erklärte als Fraktionschef der Blau-Orangen, Wiesenthal habe gezeigt, dass eine Aufarbeitung schrecklicher Ereignisse nur dann möglich sei, wenn die Verbrecher auch zur Verantwortung gezogen würden und nicht untertauchen oder sogar in hohe Positionen kommen könnten. Auch habe er klar gemacht, dass sich Geschichte nur dann wiederholen könne, wo sie in Vergessenheit geraten sei: "Wir werden dafür sorgen, dass sich eine Biografie wie von Simon Wiesenthalt nicht wiederholen muss."

Der Grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen glaubt, dass die Bedeutung der Arbeit Wiesenthals weit über Österreich und Europa hinausgehe. Ohne sein Wirken wäre vielleicht nie ein internationaler Strafgerichtshof oder ein Kriegsverbrechertribunal etabliert worden: "Simon Wiesenthal ist natürlich unvergesslich für den Kampf um die Aufdeckung von Verbrechen des Nationalsozialismus. Aber sein Vermächtnis geht darüber weit hinaus - präventiv für die Verbrechen der Zukunft."

Im Anschluss an die Reden gedachten die Abgeordneten in einer Schweigeminute des Verstorbenen. (apa/red)

20.9.2005 22:13