Historische Wahl in Afghanistan: Wahl-Beteiligung offenbar niedriger als erwartet
- UNO, NATO würdigen Urnengang als wichtigen Schritt
- Gewalt und Anschläge überschatteten den Wahlgang
·Afghanistans Weg zur
freien Parlamentswahl
Vom Sturz der Taliban 2001 bis zum Urnengang
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5.800 Kandidaten, 12 Millionen an den Urnen
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22 Mio. Menschen leben in Islamischer Republik
An der Parlamentswahl in Afghanistan haben sich offenbar weniger Stimmberechtigte beteiligt als erwartet. Rückmeldungen aus 35 Prozent der Wahllokale ließen vermuten, dass etwa sechs Millionen Menschen zu den Urnen gegangen seien, erklärte die Wahlkommission am Montag. Damit liege die Wahlbeteiligung bei etwas über 50 Prozent. Eine unabhängige Beobachtergruppe rechnete sogar nur mit 30 bis 35 Prozent. Dennoch wurde die Abstimmung international als Schlüssel zur Demokratisierung Afghanistans gewürdigt.
An der Präsidentenwahl im vergangenen Oktober hatten sich noch mehr als 70 Prozent der Stimmberechtigten beteiligt. Für das jetzige Fernbleiben vieler Wähler machten die Behörden sowie unabhängige Wahlbeobachter Sicherheitsbedenken und Enttäuschung über die Kandidatur mehrerer Warlords verantwortlich.
Die Taliban-Rebellen hatten zum Wahlboykott aufgerufen und mit Anschlägen auf Stimmlokale gedroht. Trotz mehrerer Zwischenfälle mit mindestens zehn Toten allein am Wahltag blieb die befürchtete Angriffswelle jedoch aus. Lediglich 16 der 6.270 Stimmlokale wurden wegen Terrordrohungen oder wegen logistischer Probleme nicht geöffnet.
Am Montag herrschten strenge Sicherheitsvorkehrungen für den Transport der Wahlurnen zu zentralen Zählstellen in den Provinzhauptstädten. Dieser erfolgte per Lastwagen, Hubschrauber und aus den abgelegensten Regionen auch per Esel. Die Stimmenauszählung soll am Dienstag beginnen und bis 9. Oktober dauern. Anschließend will die Wahlbehörde vorläufige Ergebnisse verkünden. Das Endergebnis soll nach einer Einspruchsfrist am 22. Oktober bekannt gegeben werden.
Wichtiger Schritt zur Stabilisierung
NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer würdigte die erste Parlamentswahl seit gut 35 Jahren als wichtigen Schritt zur Stabilisierung und zum Wiederaufbau Afghanistans. Millionen Männer und Frauen hätten mutig die Chance ergriffen, in freier Abstimmung ihre politischen Führer zu bestimmen, erklärte er am Sonntagabend in Brüssel. Damit hätten sie deutlich gemacht, dass sie den Weg zur Demokratie trotz aller Widrigkeiten weitergehen wollten. Die NATO werde sie dabei unterstützen.
Auch UNO-Generalsekretär Kofi Annan wertete die Wahl als weiteren Schritt zur Demokratie. Der Urnengang zeige die "klare Entschlossenheit des afghanischen Volkes, die friedliche und demokratische Entwicklung der Nation fortzusetzen". Annan rief die Kandidaten und ihre Anhänger dazu auf, mit den Wahlbehörden zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass sich der Prozess auf eine friedliche und geordnete Weise entfalte.
US-Präsident George W. Bush sagte, der Urnengang am Sonntag sei ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratie und Rechtsstaat gewesen. Die Afghanen hätten "tödlichen Angriffen und Gewaltandrohungen" getrotzt und in großer Zahl für die Abgeordneten im Parlament und in den Provinzräten gestimmt.
Auch Großbritanniens Premier Tony Blair begrüßte die Wahlen am Hindukusch. Er bewundere den Mut aller Kandidaten, insbesondere der Frauen. Erneut hätten die Afghanen gezeigt, dass sie entschlossen seien, eine bessere Zukunft für ihr Land aufzubauen, erklärte der britische Regierungschef.
Wahl von Gewalt überschattet
Überschattet von Gewalt hatte Afghanistan am Sonntag zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren ein neues Parlament gewählt. Schon kurz nach Öffnung der Wahllokale schlugen in ein Lagerhaus der Vereinten Nationen in Kabul zwei Raketen ein, dabei wurde ein afghanischer UNO-Mitarbeiter verletzt. Bei mehreren Angriffen und Anschlägen waren am Wochenende mindestens 18 Menschen getötet worden. Präsident Hamid Karzai bezeichnete die Abstimmung als historischen Schritt und sprach von einem "Tag der Selbstbestimmung für das afghanische Volk".
In einem Wahlbüro in der Nähe des südafghanischen Khost scheiterte ein Selbstmordanschlag. Zwei Männer seien verwundet worden, als die an ihrem Körper befestigten Sprengsätze vorzeitig explodiert seien, teilte das afghanische Innenministerium in Kabul mit.
"Nach 30 Jahren Krieg, Interventionen, Besetzung und Elend bewegt sich Afghanistan heute vorwärts", sagte Karzai bei der Stimmabgabe in Kabul. Er wolle ein "starkes Parlament" und hätte keine Schwierigkeiten mit einer Oppositionsmehrheit. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatten die Afghanen in der ersten freien Präsidentschaftswahl Karzai zum Staatsoberhaupt gewählt.
(apa/red)
