Freitag, 9. September 2005

"Kreativ, kein Größenwahn": Mateschitz im FORMAT-Interview über Sport und Zukunft!

  • "Formel 1-Team schlägt sich heuer hervorragend"
  • "War nie großer Fußballanhänger, werde aber einer"

Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz im FORMAT-Interview über sein F1-Team Red Bull Racing, seinen Erfolg mit einer mobilen Druckmaschine, seine privaten Hotelinvestments und wieso er trotz Rückschlägen an den Durchbruch im Fußball glaubt.

Format: Herr Mateschitz, mit dem bisherigen Abschneiden des Red-Bull-Teams zufrieden?
Mateschitz: Das Team schlägt sich in dieser Saison hervorragend und hat die Erwartungen zu 100 Prozent erfüllt. Außerdem stecken wir schon fast die ganze Kraft in das nächstjährige Auto.

Format: Mit den Ferrari-Motoren?
Mateschitz: Ja. Red Bull Ferrari wird das erste Team sein, das Ferrari im Teamnamen verwenden darf.

Format: Im Unterschied zu früher fahren Sie heute zu den F1-Rennen. Haben Sie Gefallen am Zirkus gewonnen?
Mateschitz: Wir sind seit zehn Jahren in der Formel 1. Meine Einstellung hat sich nicht im elften Jahr verändert. Für mich ist das ein Arbeitstag. Unser Engagement basiert nicht auf Gefallen, sondern ist ein wichtiges Marketingtool.

Format:Nach der Übernahme von Minardi, dürfen Sie eigentlich zwei Teams besitzen?
Mateschitz: Ja, das gegenwärtige Concorde Agreement sieht diesbezüglich keinerlei Einschränkungen vor.

Format: Einmal ehrlich, muss Red Bull fürs Marketing wirklich ein Team besitzen, oder spielt da schon auch ein Bubentraum mit?
Mateschitz: Nein. Seit 18 Jahren ist unsere Philosophie im Sportsponsoring, nicht mit einem Koffer voll Geld herumzurennen und Werbefläche zu kaufen. Wir wollen nicht wie Marlboro auf dem Ferrari oder wie Emirates Airlines auf den Arsenal-Leiberln, sondern in die Sportart integriert sein. Darum haben wir ein F1-Team, eine Fußball- und eine Eishockeymannschaft. Wir wollen die Gesamtverantwortung und etwas bewegen. Und man sagt, dass wir die ganze Formel 1 umgekrempelt haben, zum Besseren.

Format: Mit einem prunkvollen Motorhome, rauschenden Partys ...
Mateschitz: Mit unserer Hospitality, der Philosophie der offenen Tür, den Formula Unas, dem "Red Bulletin", das im ganzen Paddock-Club gelesen wird, mit Kooperationen wie mit George Lucas, also eher mit Ideen statt mit viel Geld.

Format: Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb über diese Auftritte: "Es lebe der Größenwahn."
Mateschitz: Gegen Vorurteile, Borniertheit, Dummheit, Nichtverständnis etc. ist eben kein Kraut gewachsen. Für uns sprechen die Fakten. Etwas kreativer oder gescheiter zu machen ist nicht Größenwahn. Unser Motorhome hat nicht mehr Quadratmeter als die der anderen, sondern wirkt durch seine offene Bauweise und die ausfahrbare Terrasse. Und so nebenbei erwähnt haben wir bis dato noch nichts angekündigt, was wir nicht auch imstande gewesen wären zu realisieren.

Format: Eine Misswahl in den Boxen?
Mateschitz: Eben genau nicht. In unserem Sprachgebrauch ist das Wort Miss und Contest verboten. Das Red Bull Racing Team lädt in jedem Land, wo ein Grand Prix stattfindet, in Zusammenarbeit mit einer Tageszeitung oder einem Rundfunksender zehn Mädchen ein. Die brauchen dazu weder einen Modelvertrag noch Beziehungen zu einem Silikonchirurgen. Es genügt, sympathisch, gescheit, motorsportinteressiert und extrovertiert zu sein. Eine wechselnde anonyme Jury kürt die nationale Gewinnerin. Beim F1-Finale in Shanghai wird aus den 19 Siegerinnen die Formula Una gewählt.

Format: Die Kritik geht eher in die Richtung, dass Sie einerseits sagen, es ginge Ihnen um den Sport, während diese ganzen Inszenierungen andererseits den Eindruck erwecken, als wäre der Sport nur eine Nebensache.
Mateschitz: Sie müssen trennen zwischen einer Plattform für den Marketingauftritt und, wenn Sie so wollen, mir als Person. Es gibt kaum ein medial zurückhaltenderes Management als das von Red Bull Racing. Das Team und die Fahrer stehen im Mittelpunkt. Auch ist Red Bull Salzburg sicherlich der einzige Fußballklub, der ohne Präsidenten auskommt.

Format: Wie kommt denn das neue F1-Magazin von Red Bull in der Szene an?
Mateschitz: Unser "Red Bulletin" ist eine sensationelle Idee. Wir haben eine Druckmaschine auf einen Truck montiert und produzieren pro Rennwochenende vier Ausgaben direkt an der Strecke. Mit den besten Fotografen, Redakteuren und Cartoonisten. Wir schaffen damit Werte, die mit Geld gar nicht aufzuwiegen sind. Und geben die schnellste Zeitung der Welt heraus: 20 Minuten nach Ende des Rennens ist gedruckt.

Format: Überlegen Sie, das Konzept auf andere Ereignisse zu übertragen?
Mateschitz: Natürlich. Die Druckerei auf Rädern stand schon beim Eröffnungsspiel der Red Bulls Salzburg vor dem Stadion und wird vielleicht auch im Winter beim Hahnenkammrennen stehen.

Format: Sonstige neue Medienprojekte?
Mateschitz: Vielleicht kommen wir auf die Idee, die vier Ausgaben von "Red Bulletin" zu bündeln und sie am Montag nach den Rennen am Kiosk als Formel-1-Magazin zu verkaufen.

Format: Noch eine Frage zum Autorennsport. Welche Rolle spielt Red Bull genau beim Projekt Spielberg neu?
Mateschitz: Die eines Vermittlers, Mitgestalters und Gesellschafters. Es handelt sich hier um eine neue Idee, nämlich der Bildung eines Industrie-Clusters. Die Partner Magna und Audi/VW nutzen die Rennstrecke für Testzwecke oder Incentives bzw. KTM als Standort für die Motorsportabteilung. Red Bull ist wie beim ersten Projekt im Team, wenn auch zugegebenermaßen mit den geringsten Synergien.

Format: Sie investierten zuletzt viel in Gastronomie und Tourismus, etwa in die Cube-Jugendhotels. Bauen Sie sich ein zweites Standbein neben Red Bull auf?
Mateschitz: Mit einem hohen Maß an Goodwill. Bei den Cube-Hotels haben wir mit einer geringfügigen Beteiligung die Fortführung des Projekts gesichert.

Format: Herr Mateschitz, Red Bull wird heuer 2,5 Milliarden Dosen verkaufen und über zwei Milliarden Euro umsetzen. Nach Ihren Richtlinien ergibt das rund 600 Millionen Euro Budget fürs Marketing.
Mateschitz: Die Summe relativiert sich, wenn Sie berücksichtigen, dass dies das Gesamtmarketingbudget ist, welches sich auf über 100 Märkte aufteilt.

Format: Gibt es bei dieser irren Summe noch einen exakten Marketingplan, oder wird sowieso überall nur noch aus dem Vollen geschöpft?
Mateschitz: Wir haben weder ein Dagobert-Duck- noch ein texanisches Syndrom. Die eingesetzten Mittel in den Bereichen klassische Werbung, Eventmarketing, Sportsponsoring etc. sind sehr genau überlegt. Es herrscht ein hohes Maß an Budgetdisziplin. Sie dürfen nicht den Fehler machen, die "Leichtigkeit des Seins" im Image der Marke Red Bull mit unserer Unternehmensphilosophie zu verwechseln. Es gibt keine "Was kostet die Welt"-Mentalität, sondern ausschließlich die Frage nach Richtigkeit und Sinnhaftigkeit der Projekte.

Format: Sie bleiben dabei, dass Red Bull nicht an die Börse geht?
Mateschitz: Wieso sollten wir uns das antun? Zum Beispiel wäre die Sinnhaftigkeit, Minardi zu kaufen, bei einer Aktionärsversammlung, die dividendenmaximierend denkt, nur schwer zu erklären. Ein Projekt wie der Hangar-7, der ein hervorragendes Return on Investment bringt, wäre bei einer Hauptversammlung sicher nicht durchsetzbar.

Format: Werden Sie das Marketing der Tatsache anpassen, dass die Marke Red Bull zunehmend erwachsen wird?
Mateschitz: Nicht so sehr die Marke, aber das Unternehmen Red Bull und seine Zielgruppe sind globaler und erwachsener geworden. Und darauf haben wir innerhalb unseres Marketingmix reagiert, beispielsweise mit Formel 1 und jetzt auch Fußball. Das heißt aber nicht, dass wir unsere Wurzeln vergessen hätten.

Format: Wie schaffen Sie es, dass eine Britney Spears während der Pressekonferenz zu einem Cola-Werbevertrag vor den Kameras Red Bull trinkt?
Mateschitz: Solche Dinge passieren, wenn das Image, die Einzigartigkeit, die Lifestyle-Komponente, aber auch die Glaubwürdigkeit einer Marke stimmen. Product-Placements dieser Art, wie auch in vielen Hollywoodfilmen, sind weder beeinflussbar, noch wären sie finanzierbar.

Format: Die Präsenz im Fußball soll die Marke weltweit weiter festigen?
Mateschitz: Fußball ist noch immer, auch vor der Formel 1, die wichtigste Sportart der Welt und für ein globales Unternehmen zwangsläufig von Bedeutung.

Format: So schnell werden wir Red Bull Salzburg nicht auf dem internationalen Parkett sehen ...
Mateschitz: Wir befinden uns in einer Anfangsphase. Zuerst müssen wir die Mannschaft an die österreichische Spitze heranführen. Parallel dazu kommt die Fußball-Akademie, und zwar eine richtige, in die Kinder mit zehn Jahren eintreten und dann neun Jahre lang Sport- und Berufsausbildung erhalten. Erfolg im Fußball braucht viel Zeit.

Format: Wie viel?
Mateschitz: Unser Freund und Berater Franz Beckenbauer spricht von drei bis fünf Jahren, wir hoffen, in zwei bis drei Jahren den ersten Schritt in die europäische Dimension geschafft zu haben.

Format: Frank Stronach gelingt das bei Austria Wien trotz viel Geld nicht richtig. Was wollen Sie besser machen?
Mateschitz: Dazu kann ich nichts sagen. Wir kennen weder das Konzept der Wiener Austria, noch haben wir versucht, das zu analysieren. Wir haben mit Franz Beckenbauer und Kurt Jara zwei Profis mit der Verantwortung betraut, die ihr Handwerk verstehen. Das wird Früchte tragen, davon bin ich überzeugt.

Format: Haben Sie persönlich eine Beziehung zum Fußball?
Mateschitz: Ich war zugegebenermaßen nie ein großer Fußballfan, bin aber im Begriff einer zu werden.

Format: Kränkt Sie der laute Protest von Salzburg-Anhängern gegen Red Bull?
Mateschitz: Kränken nicht. Ich wäre schon glücklich, wenn ich ihn verstehen könnte.

Format: Vielleicht stört, dass Sie zu emotionslos an die Sache herangehen?
Mateschitz: Emotionen sind gerade im Fußball enorm wichtig, aber rowdyhaftes Benehmen gehört nicht unbedingt zu einem Fußballfan, genauso wenig wie das Werfen mit vollen Bierbechern. Zumindest wir wollen diese Art von Fans nicht in unserem Stadion.

Das gesamte Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von FORMAT!

9.9.2005 12:12