Warnung der OECD: Ölschock und "Katrina" können EU noch stärker als USA treffen!
- UNEP-Chef Töpfer fordert mehr Unabhängigkeit vom Öl
Der Ölpreisschock und seine Verstärkung durch den Wirbelsturm "Katrina" könnten Europa nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stärker belasten als die USA. Angesichts ihres deutlich geringeren Wachstums seien die Staaten der Eurozone in dieser Beziehung "verletzlicher", sagte OECD-Chefvolkswirt Jean-Philippe Cotis in Paris. Der Leiter des UN-Umweltprogramms (UNEP), Klaus Töpfer, forderte nach "Katrina" eine globale Energiewende und mehr Unabhängigkeit vom Öl.
Die Weltwirtschaft erlebe zur Zeit einen Ölschock "großen Ausmaßes", sagte Cotis. Allein seit Mai seien die Preise um rund 20 Dollar pro Fass (159 Liter) gestiegen. "Wir haben keine Ahnung, wann das aufhören wird." An den Märkten gebe es deshalb "eine sehr große Unsicherheit", sagte der OECD-Volkswirt. Dies könne sich auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen auswirken und die Wirtschaft insgesamt belasten. Durch "Katrina" könne der Ölschock nun "eine Verstärkung erfahren".
Cotis verwies darauf, dass die Preise für Öl-Termingeschäfte weiter stiegen. Dies liege offenbar an der Einschätzung, "dass erhöhte Preise noch einige Zeit vorherrschen werden". Allerdings sei der Ölschock zur Zeit noch schwächer als Ende der 70er Jahre. Damals habe das Fass in vergleichbaren Preisen rund 85 Dollar gekostet.
Zu den Folgen für die Wirtschaft in den USA und Europa zog Cotis einen Vergleich mit einem Rugby-Spieler: "Wenn der schnell rennt und gerempelt wird, dann läuft er zwar etwas Zick-Zack, setzt seinen Weg aber fort", sagte der OECD-Chefvolkswirt zu den Vereinigten Staaten. Europa sei dagegen schon schwach gestartet, weshalb es ihm am Dynamik fehle, um den Aufprall zu kompensieren. "Der Schock ist deshalb größer."
Nach den jüngsten Prognosen der OECD, die noch vor "Katrina" erstellt wurden, wird die US-Wirtschaft in diesem Jahr um 3,6 Prozent wachsen, die zwölf Länder der Eurozone dagegen nur um 1,3 Prozent. Für Deutschland senkte die Organisation nach dem Nullwachstum im zweiten Quartal ihre Wachstumsvorhersage aus dem Mai für 2005 von 1,2 auf ein Prozent.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verwies jedoch darauf, dass die Abhängigkeit Österreichs von Rohölimporten im Vergleich zu anderen Industriestaaten geringer sei. Die Alpenrepublik wendet demnach nur 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Rohölimporte auf. Deutschland und Frankreich sind mit jeweils 1,1 Prozent des BIP schon stärker betroffen. Der Anteil in den USA liegt bei 1,2 Prozent, in Belgien bei 2,5 Prozent und in Südkorea sogar bei 4,4 Prozent.
"Wir müssen unabhängiger vom Öl werden", forderte Töpfer in der "Berliner Zeitung" (Dienstagausgabe). Denn "eine signifikante Senkung der Rohölpreise wird es nicht mehr geben". Dafür sei die Nachfrage auf den Weltmärkten viel zu groß. Und "Katrina" habe gezeigt, dass die Situation auf den weltweiten Energiemärkten "sehr schnell eskalieren" könne, betonte Töpfer. Er forderte unter anderem den Ausbau erneuerbarer Energien, effizientere Kraftwerke, sparsamere Kraftfahrzeuge, neue Treibstoffe sowie verstärkte Anstrengungen beim Energiesparen.
Unterdessen betonte die Internationale Energie-Agentur (IEA), das am Wochenende beschlossene Anzapfen der strategischen Reserven ihrer Mitgliedsländer reiche womöglich nicht aus, um die Auswirkungen von "Katrina" abzufedern. Der Verwaltungsrat der Organisation wolle deshalb Mitte kommender Woche darüber entscheiden, ob weitere Schritte nötig seien, sagte IEA-Notfallplanungschef Klaus Jakoby Deutsche-Welle-TV. Die IEA hatte beschlossen, für einen Monat 60 Millionen Barrel Öl aus den strategischen Reserven ihrer Mitgliedsländer freigegeben, um den Preisdruck auf dem Rohstoffmarkt zu verringern. (apa)

