Sonntag, 11. September 2005

Gaza-Streifen in palästinensischer Hand: Chaotische Freudenfeiern zur Übernahme

  • Palästinenser von Grenzsoldaten erschossen
  • Israelische Synagogen werden abgerissen

Mit teilweise chaotischen Freudenfesten haben die Palästinenser am Montag das Ende von 38 Jahren israelischer Besatzung im Gaza-Streifen gefeiert. Der letzte israelische Militärkonvoi hatte das Gebiet am Morgen verlassen. In mehreren geräumten jüdischen Siedlungen wurden Synagogen in Brand gesetzt. Bei Rafah überwanden hunderte Palästinenser die Grenze zu Ägypten, um dort lebende Angehörige wiederzusehen. Dabei wurde ein Palästinenser von ägyptischen Grenzsoldaten erschossen. Am Abend traf der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas (Abu Mazen) am Grenzübergang Rafah ein und hisste die palästinensische Flagge.

Bei dem Getöteten handelte es sich nach palästinensischen Angaben um einen 14-jährigen Buben, ein zweiter Jugendlicher sei leicht verletzt worden. Aus dem Krankenhaus von Rafah hieß es allerdings, der Getötete sei ein Erwachsener gewesen. Ägypten hatte am Samstag die ersten 200 von insgesamt 750 Soldaten entlang der Grenze zum Gazastreifen stationiert, die nach dem israelischen Rückzug die Übergänge sichern sollen.

Hunderte Palästinenser kletterten über den Grenzzaun zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten. Die ägyptischen Grenzsoldaten griffen bis auf die oben erwähnte Ausnahme nicht ein. Die Behörden sprachen von einer Duldung aus humanitären Gründen, da sich viele Familienmitglieder seit Jahren nicht mehr gesehen hätten. Nach der Stationierung aller 750 Soldaten in wenigen Tagen werde der Grenzverkehr dann wieder streng kontrolliert. Der offizielle Übergang Rafah blieb geschlossen, wie Israel das kurz vor seinem endgültigen Abzug verfügt hatte.

Der letzte israelische Militärkonvoi passierte am frühen Morgen den Grenzübergang Kissufim. In Netzarim begann eine Planierraupe kurz darauf mit dem Abriss einer Synagoge, anderswo wurden die jüdischen Gotteshäuser in Brand gesetzt. In den geräumten jüdischen Siedlungen gaben Bewaffnete Freudenschüsse ab und schwenkten Fahnen der radikalen Palästinenser-Organisationen Hamas und Islamischer Jihad. Aus den Trümmern zerstörter Häuser nahmen Palästinenser alles Verwertbare wie Türen, Fensterrahmen, Stühle und Tische mit. Die Polizei konnte sie daran nicht hindern, erst am Mittag beruhigte sich die Lage.

Auch den bislang von Israel abgeriegelten Strand des südlichen Gazastreifens nahmen die Palästinenser in Besitz. Hunderte Jugendliche spielten in den Fluten des Mittelmeers. Dabei ertranken drei Palästinenser, wie Mediziner später mitteilten.

Hamas-Führer Ismail Hania sagte, seine Organisation werde am bewaffneten Widerstand gegen Israel festhalten: "Diese Waffen haben das Land befreit, und mit diesen Waffen werden wir den Befreiungsprozess fortsetzen." Der Islamische Jihad sah den israelischen Abzug als Beginn einer neuen Ära. "Gaza ist nur der erste Schritt", sagte Sprecher Mohammed al-Hindi.

Abbas versicherte bei einem Besuch in der ehemaligen jüdischen Siedlung Elei Sinai, die palästinensischen Sicherheitskräfte könnten in den kommenden Monaten wieder Recht und Ordnung im Gaza-Streifen schaffen. Nach dem israelischen Abzug könne dieses Problem nun besser angegangen werden. Eine Entwaffnung der Hamas lehnte er weiterhin ab. (apa)

11.9.2005 10:37