Mittwoch, 7. September 2005

Rätselraten nach Gondelabsturz: Piloten- kollege glaubt an Fehler in der Elektronik!

  • "Auslöser aus Versehen betätigen - unwahrscheinlich"
  • Augenzeuge: "Hubschrauber flog knapp über Seil"

Ein Berufskollege jenes Hubschrauberpiloten, dessen verlorener Betoncontainer am Montag in Sölden im Tiroler Ötztal eine Seilbahnkatastrophe mit neun Todesopfern ausgelöst hat, glaubt nicht an menschliches Versagen. Bei einem Pressetermin der Salzburger Helikopterfirma Knaus sagte der 49-jährige Knaus-Pilot Leander Koch, er halte einen elektronischen Defekt für wahrscheinlich. Seinem 35-jährigen Kollegen gehe es sehr schlecht, "er ist total fertig", sagte Koch.

Der Pilot ist seit 27 Jahren mit Hubschraubern unterwegs und hat nach eigenen Angaben über 11.000 Flugstunden. 2.700 davon habe er auf Maschinen des gleichen Typs wie des Unglücksgerätes, einer Lama 315B absolviert. Seit acht Wochen fliege er für Knaus in Tirol.

Er halte es für "unwahrscheinlich", dass sein Kollege aus Versehen den elektrischen Auslöser betätigt habe, sagte Koch. Beim Start sei der rechte Arm auf den Oberschenkel gepresst. Man konzentriere sich darauf, mit der Last abzuheben, habe die Instrumente unter ständiger Beobachtung. Mechanisch wäre das Ausklinken durch einen Hebel möglich, der mit dem linken Arm erreichbar ist.

Der Lasthaken selbst werde täglich überprüft. Der "Klinkencheck" sei "die Lebensversicherung" für den Piloten. Das Auslösen sei in einer Situation denkbar, in der Gefahr für die Maschine bestehe, etwa bei einem Leistungsverlust. Dies sei am Montag aber nicht der Fall gewesen.

Der Firmenchef selbst, Roy Knaus, war bei dem Termin übrigens nicht anwesend. Er habe selbst dringende Flüge zu absolvieren, erklärte eine Sprecherin. Nach seinen Angaben vom Dienstag habe der Unglückspilot 850 Flugstunden absolviert, davon 150 mit Außenlastentransporten. Seit einem Monat sei er vom Verkehrsministerium für derartige Lastenflüge zugelassen. Der Pilot hatte bisher beteuert, den elektrischen Mechanismus nicht betätigt zu haben. Von der Staatsanwaltschaft wird neben technischem auch nach menschlichem Versagen ermittelt.

Augenzeuge: "Hubschrauber flog knapp über Seil"
Der Hubschrauber, der das Seilbahnunglück verursacht hat, flog nach Angaben eines Zeugen am Tag der Tragödie dauernd dicht über das Seil der Bergbahn. "Er ist schon den ganzen Morgen knapp über das Seil hinweggeflogen", sagte der Karlsruher Skitrainer Marcel Knoch am Mittwoch der dpa.

Knoch hatte mit einer Gruppe des Skiclubs Rheinbrüder im Gletschergebiet von Sölden trainiert. Bei dem Unglück waren am Montag neun Menschen ums Leben gekommen, darunter sechs Kinder aus Baden-Württemberg. Fünf Karlsruher wurden teils schwer verletzt.

"Wenn jetzt behauptet wird, der Hubschrauber sei 200 bis 300 Meter hoch geflogen, dann ist das schwer zu glauben", meinte Knoch. Als das Unglück geschah, stand er mit seiner Gruppe schon auf dem Parkplatz. Er wurde erst darauf aufmerksam, als andere berichteten, dass Leute aus den Gondeln fielen. Als Knoch sich umdrehte, schwangen die Gondeln noch immer stark hin und her.

Polizei relativiert Zeugenaussagen über Flughöhe
Der Leiter der polizeilichen Ermittlungen zum Gondelabsturz in Sölden, Hubert Juen, hat am Mittwochabend auf die Angaben von verschiedenen Augenzeugen reagiert. Er relativierte die Zeugenaussagen über die Flughöhe des Unglücks-Hubschraubers.

Mehrere Zeugen hätten Angaben darüber gemacht, wie hoch der Helikopter am Tag des Unglücks über der Seilbahn geflogen sei. "Einige sagten, er flog knapp darüber, andere wieder reden von einer entsprechenden Höhe", berichtete der Kommandant des Bezirkspolizeikommandos Imst der APA. Jede Wahrnehmung sei jedoch subjektiv, gab Juen zu bedenken, und hänge vom jeweiligen Standort des Beobachters ab. Der Pilot seinerseits habe erklärt, dass er in ausreichender Höhe über dem Seil geflogen sei.

Die tatsächliche Flughöhe ist laut Juen nur schwer festzustellen. Einen Flugschreiber habe der Hubschrauber keinen gehabt. Der Verantwortliche für die Erhebungen vor Ort zeigte sich aber zuversichtlich, anhand der Spuren am Betonkübel, an der abgestürzten Gondel und teilweise an den Seilen festzustellen, in welchem Winkel der in die Tiefe gestürzte Kübel das Tragseil getroffen hat. (apa/red)

7.9.2005 16:06