Donnerstag, 1. September 2005

Nur "unterschiedliche Vorstellungen" über Fußball: Premiere will nicht Konflikt mit ORF

  • Pay-TV-Sender will österreichische CL-Rechte kaufen
  • Mahr: "ORF könnte mehr aus Zweitrechten machen"

Hans Mahr, seit Donnerstag Sport-Vorstand des Pay-TV-Senders Premiere und zugleich Gesamtverantwortlicher für Premiere Österreich, möchte keinen Konfliktkurs gegen den ORF fahren, betonte er am Mittwochabend in Berlin im Gespräch mit österreichischen Journalisten. Das Verhältnis sei gut, es gebe eben einfach "unterschiedliche Vorstellungen" über Fußball in Pay- und Free-TV.

Seit Premiere im Vorjahr die TV-Rechte an der Fußball-Bundesliga erworben hat, matchen sich der Öffentlich-Rechtliche und das Pay-TV-Unternehmen immer wieder über die Rechte an der Kurzberichterstattung. Mahr ist der Ansicht, dass der ORF viel mehr aus der Bundesliga herausholen könnte, würde er sich von seiner "Live-Hysterie" verabschieden und die Begegnungen mit umfangreicher Nachberichterstattung in "Sport am Sonntag" würdigen. Dazu müsste der ORF freilich Zweitrechte erwerben, woran bisher kein Interesse signalisiert wurde. Die vergangene Bundesliga-Saison hat jedenfalls nach Mahrs Ansicht gezeigt: "Die Liga ist nicht abhängig vom ORF."

ORF gibt nicht auf, will weiter CL zeigen
Auch der ORF will sich um die TV-Rechte an der Fußball-Champions-League bemühen. Dies erklärte ORF-Informationsdirektor Gerhard Draxler am Rande der Alpbacher Wirtschaftsgespräche gegenüber der APA.

"Wir werden uns bemühen, die Champions League in Österreich im Free-TV zu halten", so Draxler. Dabei gebe es aber eine Grenze nach oben. "Wir sind nicht gewillt, den Preis in astronomische Höhen zu lizitieren und so eine Preisspirale in Gang zu setzen." Der ORF müsse hier nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten agieren.

In Richtung des neuen Premiere-Vorstands Hans Mahr meinte Draxler: "Wir wollen die Erst-Rechte. Premiere kann ja von uns die Zweit-Rechte haben." Ziel von Premiere sei es, "in einen neuen Markt einzudringen und einen massenattraktiven Sport wie den Fußball ins Bezahl-Ghetto zu zwängen". Diese Strategie habe Premiere schon bei der Fußball-Bundesliga angewandt. "Hier werden Woche für Woche zig-tausende Fußballfans ausgeschlossen. Wir lehnen das ab."

Nach Branchenschätzungen bezahlt der ORF derzeit pro Champions-League-Spiel rund 400.000 bis 500.000 Euro - Zahlen, die man im ORF nicht kommentieren will. Die kommenden Auftritte Rapids in der obersten europäischen Spielklasse - mit dem Auftakt gegen Bayern München am 14. September - will der ORF jedenfalls als "große Fußball-Show aufziehen", wie Info-Direktor Draxler erklärte.

Premiere mit österreichischer Bundesliga zufrieden
Für Premiere sei die heimische Bundesliga "durchaus eine erfolgreiche Investition" gewesen, so Mahr. Folgerichtig will man nun auch die Österreich-Rechte an der Champions League. "Warum soll für Österreich anderes gelten als für Deutschland?" Wahrscheinlich sei, dass Premiere für die Pay- und Free-TV-Rechte bietet. Derzeit plant man ja eine "Sport-Plattform" im frei empfangbaren Fernsehen - durch Kauf oder Neugründung eines Kanals oder aber durch Kooperationen. Entsprechende Verbreitung in Österreich müsse man "sicherstellen". Welche Variante es tatsächlich wird, will sich Mahr "in den nächsten Monaten anschauen", jedenfalls soll "möglichst schnell eine möglichst breite Plattform" errichtet werden.

Mahr spitzt auch auf Wintersport
Mahr, der als Infodirektor bei RTL Skispringen zum Eventsport entwickelte, reizt auch "die Möglichkeit, im Wintersport etwas zu machen". Nicht zuletzt auf Grund der langfristigen Verträge von Skiverband und ORF, gegen die Premiere mittlerweile Wettbewerbsbeschwerde eingelegt hat, sei hier aber wohl kurzfristig nichts zu machen: "In Österreich mahlen die Mühlen bekanntermaßen langsam." Premiere Österreich soll bis Jahresende die Zahl von 260.000 Abonnenten "deutlich übertreffen", so Mahr zum Jahresziel; "in den nächsten zwei Jahren" sollten in weiterer Folge "die 300.000 schon zu erreichen sein".

Spricht sich gegen Parteipolitik im ORF aus
Dem ORF, für den kommendes Jahr wieder ein Generaldirektor oder eine Generaldirektorin gewählt wird, wünscht Mahr "eine Führung, die unbestritten ist, auch politisch unbestritten": "Die Zeit der parteipolitischen Entscheidungen in Medien sollte vorbei sein." In der Vergangenheit hatte er die Privatisierung eines ORF-Kanals angeregt - eine Idee, die er nur mehr für begrenzt realisierbar hielte: Mit den Anstellungen im Zuge des neuen Kollektivvertrages sei der ORF "bald nicht mehr privatisierbar - daher erübrigt sich die Diskussion".

Der 56-jährige Mahr war von 1994 bis 2004 Informationsdirektor und Chefredakteur von RTL und in dieser Funktion für alle Nachrichten-, Sport-, Magazin- und Regionalsendungen verantwortlich. Von 1989 bis 1994 war er Geschäftsführer der "Kronen Zeitung". Seit 2004 war er für die RTL-Group tätig, im Mai 2005 wurde sein Wechsel zu Premiere bekannt gegeben.
(apa/red)

1.9.2005 11:24