Sonntag, 4. September 2005

Nach der verpatzten WM-Qualifikation:
Steht Teamchef Krankl jetzt vor dem Ende?

  • Ex-Goleador: Kein radikaler Mannschaftsumbau
  • Entscheidung um Trainerposten fällt im November

Österreichs Traum von der Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2006 ist seit Samstag ausgeträumt. Die 2:3-Niederlage in Polen beraubte das Nationalteam seiner letzten realistischen Chance, doch noch das Ticket für Deutschland zu lösen. Nun stehen bis zum Beginn der Heim-EM 2008 nur noch Länderspiele auf dem Programm, in dem es um Prestige und Weltranglisten-Punkte geht.

Dabei wäre in Chorzow eine Niederlage durchaus zu vermeiden gewesen: Dank der starken Leistung in der letzten halben Stunde hätte das ÖFB-Team mit Glück sogar einen Sieg einfahren können - entscheidend war aber die erste Hälfte, in der sich die Österreicher alles andere als WM-reif präsentierten.

Krankl: Nationaltem hatte zuviel Angst
"Eine Erklärung dafür ist, dass die Mannschaft zu wenig internationale Erfahrung hat, deshalb ängstlich und fehlerhaft agiert hat", vermutete Teamchef Hans Krankl. Die auf Grund der Kampagne einer polnischen Boulevard-Zeitung extrem aufgeheizte Stimmung im Stadion (die österreichische Hymne ging unter den Pfiffen völlig unter) hätte ihre Wirkung nicht verfehlt.

"Die hasserfüllte Atmosphäre, wie ich sie noch nie erlebt habe, hat uns beeindruckt. Auch die arrivierten Spieler können mit so einer Situation anscheinend nicht umgehen", betonte Krankl.

"Mannschaft hat Herz, Charakter und Qualität"
Erst mit dem Anschlusstreffer nach einer Stunde legten die Österreicher ihre Scheu ab. "Das hat uns so eine Willensstärke gegeben, dass wir plötzlich gedrückt haben und den Ausgleich hätten machen müssen." Wenn auch kein Remis gelang, so blieb für Krankl wenigstens die Erkenntnis, "dass sich das Team nicht aufgibt, sondern versucht zu gewinnen. Diese Entwicklung ist gut, das hat sich im Vergleich zu früher geändert. Die Mannschaft hat Herz, Charakter und Qualität", ist der Ex-Goleador überzeugt.

Über die Niederlage habe er sich "sehr geärgert, aber wenn man in der zweiten Hälfte Charakter beweist und mit Glück sogar gewinnen kann, sehe ich das positiv. Doch unter dem Strich haben wir verloren", musste Krankl zugeben.

Linz spielt sich ins Team, Kühbauer nimmt Abschied
Linz hat nach seinem Doppelpack einen Platz in der Anfangsformation sicher - Didi Kühbauer hingegen verzichtet nicht nur auf den Aserbaidschan-Trip, sondern allgemein auf weitere Auftritte im ÖFB-Team. "Ich möchte mich bei ihm für seine Leistungen im Team in meiner Zeit bedanken. Leider sind wir beiden Sturschädeln erst spät zusammengekommen", sagte Krankl nach dem Team-Rücktritt des 34-jährigen Burgenländers.

"Ich hätte mit gewünscht, dass er noch ein Jahr bleibt, er wäre ein toller Leithammel gewesen. Nach den Vorfällen in Polen verstehe ich ihn aber. Das war weit unter der Gürtellinie und hat ihn in seiner Entscheidung bestärkt", erklärte Krankl.

Letztes Aufgebot gegen Aserbaidschan
Neben Kühbauer fallen für Aserbaidschan auch der verletzte Muhammet Akagündüz sowie die gesperrten Markus Schopp, Joachim Standfest und Rene Aufhauser aus. "Leicht wird es in Aserbaidschan nicht. Wenn wir mit einem Tor gewinnen, wäre ich schon heilfroh", sagte Krankl, der den Mattersburger Michael Mörz nachnominierte und dadurch mit 18 Spielern die Auswärtsreise antreten wird.

Auf eine Einberufung von Ivica Vastic verzichtete der 52-Jährige, was aber nicht heißt, dass das Ende der WM-Quali-Hoffnungen gleichbedeutend mit dem Ende der Teamkarriere mancher in die Jahre gekommener Spieler ist.

Jetzt soll die Jugend den Karren aus dem Dreck holen
Junge Spieler sollen nun aber vermehrt zum Zug kommen. "Es wird interessant sein zu sehen, ob sich die jungen Spieler von der Qualität her mit den alten messen können. Ich glaube, derzeit nicht."

Rein rechnerisch hat das ÖFB-Team noch eine Chance auf Platz zwei in der Gruppe sechs. Wenn England aus den Spielen in Nordirland und daheim gegen Polen nur einen Zähler holen sollte, müsste Österreich in Aserbaidschan sowie am 8. Oktober in Manchester und am 12. Oktober in Wien gegen Nordirland, also alle drei noch ausstehenden Spiele gewinnen, um die favorisierten Briten noch abzufangen. Doch diese Rechenspielerei war am Sonntag nicht einmal für Zweckoptimist Krankl ein Thema.

Stickler: "Ab sofort beginnt Vorbereitung auf EM 2008"
Nach dem Ende der seriösen Chancen auf eine WM-Qualifikation hat ÖFB-Präsident Friedrich Stickler den Blick schon wieder nach vorne gerichtet. "Ab sofort beginnt die Vorbereitung auf die EM 2008", gab der Lotterien-Boss nach der Niederlage des österreichischen Nationalteams in Polen als Devise aus.

Entscheidung über Krankls Verbleib im November
Dies bedeute aber laut Stickler nicht, in Zukunft nur noch solche Spieler eingesetzt werden, die altersmäßig auch für 2008 in Frage kommen. "Unser primäres Ziel ist die EURO 2008, dem wir alles unterordnen. Auf der anderen Seite hilft es nichts, jetzt den großen Schnitt zu machen, und dann fahren wir zum Beispiel von Manchester mit einem 0:8 heim."

Hans Krankl wird laut Stickler zumindest bis Ende der WM-Qualifikation weiterhin die ÖFB-Auswahl betreuen, im November soll dann Klarheit geschaffen werden, ob der bis 31. Dezember 2005 laufende Vertrag des früheren "Goleadors" verlängert wird oder nicht. (apa/red)

4.9.2005 16:08