Chirac ins Krankenhaus eingeliefert:
Frankreich sorgt sich um seinen Präsidenten
- Ärzte sprechen von "kleinem Gefäßproblem"
- Experte schließen ernstere Bedrohung nicht aus
Nach seiner überraschenden Einweisung ins Krankenhaus sorgt sich Frankreich um seinen Präsidenten Jacques Chirac. Der 72-jährige Staatschef wurde am Freitagabend nach Sehstörungen in das Pariser Militärhospital Val-de-Grace gebracht, wie der Elysée-Palast am Samstag mitteilte. Die Ärzte entdeckten bei ihm nach eigenen Angaben ein "kleines Gefäßproblem".
Chirac soll voraussichtlich eine Woche in der Klinik bleiben. Experten schlossen nicht aus, dass hinter dem Vorfall ernstere Gesundheitsprobleme stecken könnten. Die Presse spekulierte darüber, ob Chirac bei der Präsidentschaftswahl 2007 erneut antreten könne.
Es ist das erste Mal in seiner zehnjährigen Amtszeit, dass der für seine robuste Gesundheit bekannte Chirac ins Krankenhaus muss. Der Präsident habe leichte "Sehstörungen", die binnen einiger Tage behoben werden könnten, sagte ein Krankenhaussprecher. Chirac werde einer Reihe von Tests in Computertomographen und anderen Scannern unterzogen, hieß es aus dem Umfeld des Präsidenten. Premierminister Dominique de Villepin sagte nach einem Besuch am Samstag, der konservative Politiker sei "in guter Form" und könne es kaum erwarten, wieder aus dem Krankenhaus zu kommen.
Der Kardiologe Alain Ducardonnet warnte jedoch, die Symptome Chiracs seien ein "unbestreitbares Warnsignal im Bereich des Gehirns". Die Ärzte müssten diagnostizieren, ob es sich um eine Durchblutungsstörung oder möglicherweise gar um eine Blutung im Gehirn handle, sagte er dem Fernsehsender TF1. Piers Clifford, einer der führenden britischen Kardiologen, sagte , Chirac habe mit Sicherheit einen Durchblutungsstopp erlitten, den er als einen "Mini-Schlaganfall" beschrieb. Die meisten Patienten würden wieder vollkommen gesund, wenn das Gerinnsel aufgelöst werde, sagte Clifford. "Es ist aber möglich, dass der Schaden dauerhaft bleibt".
Teilweise wurde der Vorfall von Medizinexperten auch als Hinweis auf einen allgemein schlechten Zustand von Chiracs Arterien interpretiert. Chirac war jahrelang ein starker Raucher, hat inzwischen aber aufgehört. Für Aufregung in Frankreich hatten im November 2003 schon Angaben gesorgt, dass Chirac am linken Ohr inzwischen ein Hörgerät tragen müsse.
Der Präsident führt laut Elysée die Amtsgeschäfte vom Krankenbett aus weiter. Auch am Sonntagvormittag empfing Chirac aber Mitarbeiter. Dabei wurde vor allem über den verschobenen Deutschland-Besuch und den erneuten tödlichen Brand in einem Wohnhaus in Paris gesprochen.
Alle Termine für die kommende Woche wurden aber verschoben. Chirac sollte ursprünglich zu deutsch-französischen Konsultationen ins brandenburgische Rheinsberg reisen. Das für Dienstag vorgesehene Treffen zwischen ihm und dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wurde abgesagt. Schröder sandte Chirac Genesungswünsche. "Ich hoffe sehr, dass Du die Regierungsgeschäfte bald wieder in vollem Umfang wahrnehmen kannst und dass wir unser geplantes Treffen möglichst bald nachholen können".
Für Kritik sorgte die schleppende Informationspolitik des Elysée-Palasts: Dieser hatte den Vorfall erst am Samstag um 13.00 Uhr bekannt gegeben, also mehr als einen halben Tag nach Chiracs Klinik-Einlieferung. Dies weckte Erinnerungen an Chiracs Vorgänger François Mitterrand, der über Jahre hinweg eine Krebserkrankung verheimlicht hatte. Vertreter der Opposition wie auch aus dem Regierungslager mahnten mehr "Transparenz" bei der Information über den Gesundheitszustand des Staatschefs an.
Chirac war 1995 Präsident geworden und befindet sich in seiner zweiten Amtszeit. Er ließ bis heute offen, ob er 2007 für eine dritte Amtszeit kandidieren wird. In der Sonntagspresse wurde dies für wenig wahrscheinlich erachtet: "Von nun an erscheint eine neue Kandidatur von Jacques Chirac wirklich gefährdet", hieß es im "Parisien".
(apa/red)
