Donnerstag, 1. September 2005

TV-Sender Al Jazeera: Al-Kaida bekennt
sich zu verheerenden Londoner Anschlägen

  • TV-Station strahlte eine Videobotschaft aus
  • Terrornetzwerk droht neue Anschläge in Europa an

Das Terrornetzwerk Al Kaida hat sich erstmals direkt zu den Selbstmordanschlägen in London am 7. Juli bekannt. Die Nummer Zwei der Organisation, Ayman al-Zawahiri, erklärte in einem am Donnerstagabend von Al Jazeera ausgestrahlten Video, die Anschläge seien eine Reaktion auf die Politik des britischen Premierministers Tony Blair und dessen Weigerung, ein Friedensangebot von Al Kaida anzunehmen. Damit sei der Kampf direkt ins Land des Feindes getragen worden.

Auch einer der vier Selbstmordattentäter, die sich im Londoner Nahverkehr in die Luft gesprengt und 52 Menschen mit in den Tod gerissen hatten, kam zu Wort. Mohammad Sidique Khan erklärte laut Al Jazeera in einer Art Testament, die Anschläge richteten sich gezielt gegen die westliche Zivilisation. Zivilpersonen würden auch weiterhin so lange angegriffen werden, bis Moslems sich unter ihnen sicher fühlen könnten. "Solange Ihr die Bombardierung, Vergasung, Verhaftung und Folter meines Volkes nicht stoppt, wird dieser Kampf nicht enden." Die westlichen Staatsbürger seien für die Ungerechtigkeit ihrer Regierungen gegenüber Moslems mit verantwortlich, weil sie diese gewählt hätten, sagte der 30-jährige Brite pakistanischer Herkunft.

"Tyrannisches und arrogantes Kreuzritterland Großbritannien"
Zawahiri nannte die Anschläge einen "Schlag ins Gesicht des tyrannischen und arroganten Kreuzritterlandes Großbritannien". Nach Jahrhunderte langer Besetzung moslemischen Territoriums durch westliche Truppen spiele sich der Kampf nun auf dem Boden westlicher Staaten ab. "Die Anschläge waren ein Schluck aus dem Glas, aus dem die Moslems getrunken haben." Wegen der Politik von Blair und US-Präsident George W. Bush werde der Westen "weitere Katastrophen" erleiden.

Der Stellvertreter von Osama bin Laden sagte nicht ausdrücklich, dass Al Kaida die Attentäter geschickt oder ausgebildet habe. Zwei US-Antiterrorexperten erklärten, das Netzwerk betrachte die Anschlagsserie vermutlich als Sieg und wolle davon profitieren. Der Attentäter Khan erklärte auf dem Videoband, er sei von Bin Laden, Zawahiri und dem im Irak aktiven jordanischen Terroristen Abu Musab al-Zarqawi "inspiriert" worden.

Khan und Zawahiri sind auf dem Film nicht gleichzeitig zu sehen, die Einstellung sind jeweils zusammengeschnitten. Dies belegt zwar einen gewissen Grad an Koordination. Ein Indiz für die direkte Beteiligung Al Kaidas an den Terrorakten wäre jedoch ein gemeinsames Auftreten Khans und Zawahiris gewesen.

Scotland Yard nimmt Video sehr ernst
Scotland Yard teilte mit, man nehme das Video ernst. "Wir betrachten es als Teil der fortlaufenden Ermittlungen", sagte eine Sprecherin der Londoner Polizei. Das Büro von Blair gab zunächst keine Stellungnahme ab.

In den Wochen nach den Anschlägen waren mindestens zwei Bekennerschreiben im Internet aufgetaucht - beide von Gruppen, deren Glaubwürdigkeit zweifelhaft erschien. In einer ersten Tonbandbotschaft vom 4. August hatte Zawahiri keine direkte Verantwortung für die Bombenserie übernommen. Er erklärte damals, ein Ableger des Netzwerkes habe diese verübt.
(apa)

1.9.2005 20:40