Ein Hoch auf die Freiheit: Vietnam feiert
60. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung
- Machtvakuum genutzt: Ho Chi Minh rief Republik aus
- US-Militäreinsatz geriet zum verlustreichen Fiasko
Vietnam feiert den 60. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung und der Ausrufung der Republik durch Ho Chi Minh. Japan, das Französisch-Indochina im Zweiten Weltkrieg besetzt hatte, war nach den US-Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki eine geschlagene Macht. Franzosen und Briten waren mit der Neuordnung Europas nach der deutschen Kapitulation beschäftigt. Das kurze Machtvakuum wurde von den Vietminh-Widerstandstruppen genutzt. Am 15. August erhob sich die Bevölkerung in Hanoi, am 23. war die Kaiserstadt Hue befreit, am 25. die südliche Metropole Saigon.
Kaiser Bao Dai, der im März 1945 unter dem Druck der japanischen Besatzungsmacht die Protektoratsverträge mit Frankreich aus dem 19. Jahrhundert widerrufen hatte, dankte ab. Am 24. August überreichte er in der großen Säulenhalle des Fünf-Phönix-Palastes in Hue die Herrschaftsinsignien Siegel und Schwert den Vietminh-Bevollmächtigten mit den Worten, er ziehe es vor, "einfacher Bürger eines freien Landes (zu sein) als Herrscher eines geknechteten". Der Monarch nahm daraufhin den bürgerlichen Namen Vinh Thuy an und erhielt von der neuen provisorischen Regierung, die aus Kommunisten und Nationalisten zusammengesetzt war, den Titel "Oberster Berater". (Der Ex-Kaiser ließ sich allerdings 1949 wieder von der französischen Kolonialmacht einsetzen und wurde 1955 von dem pro-amerikanischen katholischen Politiker Ngo Dinh Diem verjagt).
Am 2. September 1945 konnte Ho Chi Minh auf dem Ba-Dinh-Platz in Hanoi die Demokratische Republik Vietnam ausrufen und die Unabhängigkeitserklärung verkünden, die sich auf die amerikanische des Jahres 1776 bezog. Doch sollte es noch drei Jahrzehnte bis zur Verwirklichung der Unabhängigkeit im ganzen Land dauern.
Teilung des Landes nach Kolonialkrieg
Im Mai 1946 wurde Ho Chi Minh in Paris mit allen einem Staatsoberhaupt gebührenden Ehren empfangen. Er billigte Frankreich eine Militärpräsenz zu, verlangte aber die Anerkennung der Souveränität Vietnams. Doch die Franzosen dachten nicht daran, ihren rohstoffreichen Kolonialbesitz aufzugeben. Es folgte ein weiterer Kolonialkrieg, der 1954 mit dem Sieg der Vietnamesen bei Dien Bien Phu, aber auch mit der Teilung des Landes endete. Die Genfer Indochina-Konferenz setzte einen Schlussstrich unter sieben Jahrzehnte französischer Vorherrschaft in Südostasien. Gleichzeitig wurden aber die Voraussetzungen für einen noch viel mörderischen Konflikt geschaffen, in dessen Verlauf Millionen umkamen und die USA 7,5 Millionen Tonnen Bomben über Indochina abwerfen sollten - das Dreifache aller im Zweiten Weltkrieg über Europa abgeworfenen Bomben.
US-Militäreinsatz geriet zum Fiasko
Das direkte militärische Eingreifen Washingtons wurde zum Fiasko. Weil eine Weltmacht eine exemplarische Machtdemonstration wollte, wurde Vietnam "zum Heldentum erpresst". Erst 1973 handelten Henry Kissinger und Le Duc Tho in Paris einen Waffenstillstand aus. Vietnam wurde 1975 nach dem Zusammenbruch des Saigoner Regimes unter kommunistischer Führung wiedervereinigt und hörte auf, Kriegsschauplatz zu sein. Das Bild vom kleinen tapferen Volk, das eine Weltmacht in die Knie zwang, wurde zur Hypothek und erwies sich als Hemmnis bei der Orientierung in neuen Verhältnissen.
Erst 1994 wurde das US-Embargo aufgehoben, und 1995 wurden volle diplomatische Beziehungen zwischen Washington und Hanoi hergestellt. Als siebentes Mitglied wurde Vietnam in die Südostasiatische Staatengemeinschaft (ASEAN) aufgenommen, die einst als Bollwerk gegen die "kommunistische Bedrohung" gegründet worden war. (apa/red)
