Freitag, 26. August 2005

Sommer-Fiasko: Das katastrophale Wetter ertränkt alle Hoffnungen für heurige Saison

  • FORMAT: Tourismusbranche ist ohnehin schon lädiert
  • Sintflut und Gästeschwund setzen noch weiter zu

Das katastrophale Wetter ertränkt alle Hoffnungen auf eine Rettung der heurigen Saison: Sintflut und Gästeschwund setzen der ohnehin schon schwer lädierten Tourismusbranche weiter zu.

Als sich am Mittwoch über dem Wörthersee nach zehn Tagen Sauwetter erstmals wieder ernsthaft die Sonne zeigte, wollte keiner der leidgeprüften Hoteliers mehr über die bisher desaströs verlaufene Saison jammern: Mit einem rekordverdächtigen Nächtigungsrückgang von bis zu 30 Prozent im umsatzstärksten Monat böse abgestürzt, sind die Kärntner nämlich trotzdem glimpflich davongekommen.

Halbe Ortschaften zuerst in der Steiermark, später auch in Tirol und Vorarlberg von der Sintflut weggespült. Zerstörte Straßen und Brücken, erste Todesopfer, von der Außenwelt abgeschnittene Gemeinden, dazu Schäden in Milliardenhöhe: Die laufende Sommersaison entpuppt sich endgültig als Katastrophe.

Während die Regierung in ersten Krisensitzungen noch über die Finanzierung zur Reparatur der ärgsten Schäden berät, stellen sich heimische Touristiker bereits die bange Frage über die Zukunft des Sommerfremdenverkehrs: Seit mehr als einem Jahrzehnt hoffnungslos gegenüber der florierenden Wintersaison abgefallen, drohen die ohnehin nur wenige Wochen dauernden Sommerferien in einer fatalen Mischung aus Wetterkapriolen, ausbleibenden deutschen Stammgästen, unübersehbaren strukturellen Problemen sowie dem Druck diverser Billigdestinationen zu versinken.

Egon Smeral, Tourismusexperte des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), versprüht dagegen noch immer Zweckoptimismus: "Die ganze Aufregung ist unbegründet. Die Nächtigungen sind zwar rückläufig, nicht jedoch die Umsätze." Smerals Zuversicht wird durch erste Zahlen für diesen Sommer und die noch gar nicht abschätzbaren Folgen der aktuellen Unwetterkatastrophe aber infrage gestellt. Bereits im Vorjahr büßte das Sommergeschäft 2,1 Prozent an Nächtigungen ein. Heuer rechnet Peter Laimer von der Statistik Austria mit einem weiteren Minus: "Der Sommer läuft auf jeder Ebene nicht so gut. Ein Rückgang bei den Nächtigungen wird unvermeidbar sein."

Wie schwer jeder Rückgang wiegt, wird durch die nackten Zahlen klar. Im Vorjahr steuerte die gesamte Fremdenverkehrswirtschaft mit einer Wertschöpfung von 22,5 Milliarden Euro ein Zehntel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Damit rangiert Österreich laut Welthandelsorganisation WTO an siebenter Stelle. Winter- und Sommersaison 2004 zusammen verzeichneten bei Deviseneinnahmen in der Höhe von 12,4 Milliarden Euro aber nur noch ein Plus von 0,4 Prozent (siehe Grafik auf Seite 9). Bevor die wahren Ausmaße der Sintflut überhaupt abschätzbar sind, rechnet die Oesterreichische Nationalbank für 2005 bestenfalls mit Einnahmen in der Höhe des Vorjahres.

Schon jetzt ist fraglich, ob sich die Folgen der Katastrophe bis zum Beginn der Wintersaison überhaupt bereinigen lassen. Ludwig Muxel, Bürgermeister des zuletzt von der Außenwelt abgeschnittenen Nobelskiortes Zürs am Arlberg, wo nach ersten Schätzungen zumindest 100 Millionen Euro an Schäden aufgetreten sind: "Wir müssen die Infrastruktur möglichst rasch wieder instand setzen. Viele Hotels sind durch die Unwetter zerstört. Wenn die Wintersaison nicht rechtzeitig beginnt, wäre das aber eine noch viel größere Katastrophe."

In den Kernzonen der Sommerfrische kämpfen die Unternehmer mit anderen Sorgen. Obwohl die Südprovinz von der Unwetterkatastrophe weitgehend verschont geblieben ist, verzeichnet die Sommersaison in Kärnten bisher den größten Gästeschwund. Bis Ende Juli reisten um sechs Prozent weniger Urlauber an, die zudem auch noch kürzer blieben. Im übel verregneten August setzt sich dieser Trend brutal fort. Werner Bilgram, Chef der Kärnten Werbung: "Langzeiturlauber haben ihre Ferien wegen des Wetters abgebrochen. Wir leiden besonders, weil ein Viertel unserer Gäste als Camper besonders stark betroffen sind. 40 Prozent der Nächtigungen stammen von Deutschen, die zwar noch immer kommen, aber jetzt kürzer bleiben."

In Kärnten wird die Strukturschwäche des Sommerfremdenverkehrs besonders deutlich. Wer als Hotelier weniger als Vier-Sterne-Komfort aufweist und kein Schlechtwetterprogramm anbietet, droht längerfristig unterzugehen. Anton Wrann, mit 270 Betten größter Hotelier in Velden: "Was sich in den billigen Hotels und in den Frühstückspensionen heuer abspielt, ist eine wirkliche Tragödie."

Luxusherbergen wie das Schloss Seefels in Töschling bei Pörtschach können dagegen bei Schlechtwetter zumindest einen weitläufigen Wellnessbereich anbieten. Auch die extravagante Ferienanlage Aenea in Sekirn am Südufer des Sees ist hervorragend gebucht und darf auf treue Stammgäste zählen: So hat auch heuer wieder Saif al-Islam Gaddafi, potenzieller Nachfolger des libyschen Diktators und Intimus von Landesvater Jörg Haider, samt Entourage eine Woche im Aenea verbracht.

Das Geld für den Luxus im Schloss Seefels und im Aenea stammt allerdings aus dem Verkauf von Eigentumsappartements, die gleichzeitig die Struktur des Fremdenverkehrs verändern (siehe Kasten Seite 10).

Auch in der Tourismushochburg Tirol klagt Landestourismuschef Georg Margreiter über einen verregneten August: "In diesem Monat machen wir 30 Prozent der Umsätze." Nach der Unwetterkatastrophe sei der Schaden noch gar nicht absehbar. Wer heil davongekommen ist und wie Promi-Hotelier Balthasar Hauser, Stanglwirt in Going, rechtzeitig eine Marke aufgebaut hat, kommt vergleichsweise glimpflich davon. Auch der Hoteliersclan Holleis in Zell am See hat rechtzeitig vorgesorgt.

Während Senior-Chefin Gisela mit der Saison nicht zufrieden ist ("Wegen der Unwetter werden auch die Spätbucher ausbleiben"), investiert Junior Wilfried seit Jahren im boomenden Konkurrenzland Kroatien: Holleis hat nach einem aufwendig renovierten Hotel im istrischen Rovinj heuer eine weitere Herberge in Opatija in Betrieb genommen.

Wie schwer der verkorkste Sommer die Branche trifft, weiß Reinhard Mücke aus Erfahrung. Seit 30 Jahren Chef der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank (Aktionäre: BA-CA, Erste und Raiffeisen), kann Mücke die Auswirkungen schlechter Saisonen genau beurteilen: "Die Eigenkapitalquote der Hotellerie hat sich in den vergangenen Jahren sehr verschlechtert." Die ernüchternden Zahlen: Während Vier- und Fünf-Sterne-Häuser mit 0,5 Prozent ein gerade noch positives Eigenkapital ausweisen, liegt dieser Wert bei Drei-Sterne-Herbergen zurzeit bei Minus 21 Prozent. Mücke: "Ich möchte die Situation nicht krankjammern. Aber sie ist sehr ernst."

Susanne Kraus-Winkler, Tourismusberaterin des Consulters Kohl & Partner, beurteilt die Lage ähnlich dramatisch: "Österreich befindet sich derzeit aufgrund des hohen Investitionsrückstandes in einer denkbar schlechten Lage. Die Hälfte aller Unterkünfte befindet sich in Seegegenden, die wegen fehlender Infrastruktur dringend modernisiert werden müssten." Kraus-Winklers Rat: innovative Preis-Leistungs-Pakete, stärker Trends setzen, Kultur und Tourismus stärker verknüpfen. Aurelia Kogler, Tourismusberaterin bei ETB Edinger, bemängelt ebenfalls das unausgewogene Preis-Leistungs-Verhältnis im österreichischen Sommerurlaub: "Touristen bekommen im Ausland mehr für ihr Geld."

Im Sommer ist Österreich als Urlaubsziel - im Gegensatz zum florierenden Winter - zudem bei immer mehr jungen Leuten "nicht sexy" genug, eine unentwickelte Marke, die in Konkurrenz mit der ganzen Welt steht.

Horst Opaschowski, renommierter Tourismusforscher in Hamburg: "Es heißt immer, die Jungen von heute sind die Stammgäste von morgen. Dabei fehlt es aber an speziellen Angeboten. Das wird sich später rächen." Allein das Fernbleiben deutscher Touristen für das akute Sommerloch verantwortlich zu machen, lässt Opaschowski allerdings nicht gelten: "Dass Touristen ausbleiben, liegt nicht allein an Österreich. Das ist ein globales Problem" (siehe Interview).

Michael Kövesi von Deloitte Finance: "Was der Branche fehlt, ist ein Benchmarking wie in der Industrie. Das führt dazu, dass die Guten immer besser werden und sogar noch in schlechten Zeiten profitieren." Den Hoteliers fehle es insgesamt an Kapitalkraft, weil man immer weniger Unternehmern zutraue, selbst plausible Konzepte erfolgreich umzusetzen.

Trotz der harschen Kritik am heimischen Tourismus gibt es aber noch immer eine geringe Zahl an chronischen Optimisten, die die Saison noch nicht verloren sehen. Wifo-Experte Egon Smeral: "Den Sommer 2005 als Flaute zu bezeichnen ist verfrüht. Denn die Touristen werden Österreich die Treue halten." Eine kühne Einschätzung, die nicht einmal mehr der für den Tourismus zuständige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein teilt. Denn in den Katastrophengebieten, wo Tausende Urlauber, von der Außenwelt abgeschnitten, ihrer Heimreise entgegenbangen, wird in den nächsten Wochen wohl kaum Ferienstimmung aufkommen.

Die Realität ist jedenfalls ernüchternd. Eine Angestellte des Berghotels "Serafin Rüdigier" aus Ischgl im Paznauntal, sichtlich betroffen via Nottelefon: "Wir stecken hier alle im Hochwasser, es ist schrecklich." (FORMAT Nr. 34/2005)

26.8.2005 12:50