Wieder heißt es: Alle jagen Roger Federer - Titelverteidiger großer Favorit bei US-Open
- Schweizer verlor auf Hartplatz 2005 nur ein Spiel
- Österreicher-Trio ist heute noch nicht im Einsatz
Die Chance auf die erste erfolgreiche Titelverteidigung im Herren-Bewerb der Tennis-US-Open seit 1998 ist mehr als intakt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Roger Federer am 11. September den damaligen "back-to-back"-Sieg des Australiers Pat Rafter wiederholt, ist trotz seiner sechswöchigen Pause nach dem Sieg in Wimbledon noch gestiegen. Nach Federers in Cincinnati eingefahrenen 22. Finalsieg en suite stellt sich eher die Frage nach Gegnern. Das ÖTV-Trio Jürgen Melzer, Stefan Koubek und Sybille Bammer hat vor den Erstrunden-Spielen zumindest noch einen zusätzlichen Trainingstag. Keiner der Drei scheint beim vierten Grand-Slam-Turnier des Jahres auf dem Montag-Spielplan auf, ihre Matches werden damit für Dienstag oder Mittwoch angesetzt sein.
So eindeutig die Favoritenrolle bei den Herren ist, so offen ist das Damen-Einzel. Kim Clijsters hat sich mit drei Turniersiegen in vier Wochen zuletzt in den Vordergrund gespielt, auf Grand-Slam-Ebene hat die ehemalige Weltranglisten-Erste ihre Mission aber noch nie zu Ende geführt.
Für Federer geht es um seinen sechsten Grand-Slam-Titel, den heuer zweiten nach Wimbledon. Auf Hartplatz ist der Schweizer ähnlich souverän wie auf Rasen, nur der Russe Marat Safin fügte ihm heuer im Semifinale der Australian Open eine Niederlage auf diesem Belag zu. "Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe", meinte Federer trocken nach seinem Turniersieg am vergangenen Sonntag. "Und ich weiß, dass mein Spiel jetzt so ist, wie es sein soll."
Und mit diesem werden seine Konkurrenten wohl auch diesmal ihre liebe Not haben. Der Tscheche Ivo Minar, in New Haven Qualifikationsopfer des Kärntners Stefan Koubek, ist als Erstrunden-Gegner Federers der bedauernswerteste Akteur im 128-er-Feld.
Federer ein Mann für die wichtigen Spiele
Auf Federer wartet erst im Achtelfinale mit Juan Carlos Ferrero (ESP) ein schwererer Gegner. Im Viertelfinale trifft er laut Papierform auf den russischen St.-Pölten-Sieger Nikolaj Dawidenko. Der Weltranglisten-Erste meint selbst, dass er im Turnierverlauf immer unschlagbarer wird. "In den Endspielen, den wichtigen Matches, spiele ich mein bestes Tennis. Deswegen bin ich Nummer eins."
Hinter Federer ist Rafael Nadal nicht zu Unrecht Nummer zwei des vierten Grand-Slam-Turnier dieses Jahres. Der neue "Sandplatzkönig" wurde bei den French Open von Federer heraus gefordert und bestand den Test. Diesmal sind die Vorzeichen anders, der 19-jährige Muskelmann will Zweifel an Federers Hardcourt-Qualitäten aufbringen. Mit seinem Debüt-Turniersieg auf diesem Belag hat Nadal vor drei Wochen in Montreal geglänzt.
Lokalmatadore als Prüfsteine
Sein damaliger Finalgegner könnte diesmal zum Viertelfinal-Prüfstein werden. Andre Agassi tritt zum 20. Mal in Flushing Meadows an - en suite. Mit der Vollendung der zweiten Dekade könnte die US-Open-Ära Agassis zu Ende gehen, doch das weiß der 35-Jährige derzeit nicht einmal selbst. Mit dem Turniersieg in Los Angeles und dem Montreal-Finale hat sich der Altstar aber vehement in Erinnerung gerufen.
Der Erfolgreichste bei den Vorbereitungsturnieren, den US-Open-Series, war aber sein Landsmann Andy Roddick. Der 22-Jährige und Agassi könnten im Semifinale die Klingen kreuzen, der New-York-Sieger von 2003 sieht sich gerüstet. "Ich fühle mich noch besser als vor zwei Jahren und bin auch ein besserer Spieler als damals." Das US-Open-Viertelfinale erreichte Roddick seit 2001 jedes Mal.
Starkes belgisches Duo
Bei den Damen muss man neben Clijsters, auch mit deren belgischer Landsfrau Justine Henin-Hardenne rechnen. Das jüngste Duell der beiden ging erst vergangene Woche im Toronto-Finale an Clijsters, die 22-Jährige wirkt auch austrainierter als nach ihrem Comeback im Februar nach längerer Verletzungspause. "Vor großen Turnieren ist es immer wichtig, gut zu spielen", freut sich die 2003-Finalistin über ihren aktuellen Erfolgslauf.
Im Gegensatz zur sechsfachen Saison-Siegerin hat Henin-Hardenne bereits Grand-Slam-Trophäen in ihrer Vitrine, den letzten ihrer vier Major-Titel holte die 23-Jährige heuer bei den French Open. Wie Federer kam sie in der Vorwoche nach einer Auszeit auf die Tour zurück und gestaltete dies mit dem Final-Einzug fast ebenso perfekt.
Clijsters und Henin hatten 2003 mit ihrem Final-Duell der Serie von US-Triumphen im "Big Apple" nach fünf Jahren ein Ende gesetzt. Im vergangenen Jahr sorgten Swetlana Kusnezowa und Jelena Dementjewa für ein rein-russisches Finale.
Die Williams-Schwestern
Diesmal soll es aber wieder ein Finale mit US-Beteiligung geben: Welche der beiden Williams-Schwestern dafür in Frage kommt, wird sich spätestens zur Turnier-Halbzeit klären, denn schon im "programmierten" Achtelfinal-Schlager würden die beiden zweifachen US-Open-Gewinnerinnen aufeinander treffen. Venus kann dabei auf die Statistik hoffen: 2000 und 2001 siegte sie sowohl in Wimbledon als auch in New York. Auch diesmal kommt die 25-Jährige als Wimbledon-Siegerin.
Auch Serena hat mit dem Australian-Open-Titel heuer ein Major gewonnen, sie wurde aber durch Knöchel- und Knie-Beschwerden zurückgeworfen. "Ich habe zuletzt viel daran gearbeitet, mein Bein zu stärken. Aber von der Bewegung her bin ich noch nicht wieder auf 100 Prozent", nimmt sie sich selbst etwas Druck. Lindsay Davenport ist die dritte US-Spielerin mit Titel-Chancen, zu Wochenbeginn hat sie die Weltranglisten-Führung abgegeben. Die 29-Jährige fühlt sich in Flushing Meadows wohl, seit 1997 war sie mit der Ausnahme Viertelfinale 2001 immer zumindest im Semifinale. Davenports Sehnsucht nach einem Major-Triumph ist groß, seit den Australian Open 2000 wartet sie darauf.
Die russische Armada steht mit der heuer allerdings schwächelnden Titelverteidigerin Kusnezowa, Vorjahres-Finalistin Dementjewa und vor allem Maria Scharapowa am beeindruckendsten da. Ein Wachstumsschub brachte die 18-Jährige heuer etwas aus dem Rhythmus, den hat sie bei den US Open bisher auch noch nicht gefunden. "Ich habe da noch nie toll gespielt", erklärt sie in Erinnerung an ihre Drittrunden-Niederlage 2004 gegen die Französin Mary Pierce. "Aber ich habe ein Jahr lang dazu gelernt."
(apa)
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