Skandal im Radsport? Armstrong soll bei erstem Toursieg 1999 gedopt gewesen sein
- EPO wurde bei nachträglicher Kontrolle nachgewiesen
- Verbotete Substanz in tiefgefrorener Urinprobe
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Der US-Radstar Lance Armstrong (33) wird auch in der sportlichen Pension, in die er sich Ende Juli verabschiedet hatte, von Doping-Vorwürfen eingeholt. Die französische Sportzeitung "L'Equipe" berichtet in ihrer Dienstag-Ausgabe, dass Armstrong bei seinem ersten von insgesamt sieben Gesamtsiegen in der Tour de France das Blutdopingmittel Erythropoietin (EPO) verwendet habe.
Unter dem Titel "Armstrongs Lüge" heißt es in dem Bericht auf Seite eins, dass bei einer Kontrolle von eingefroren gewesenen Urinproben des US-Amerikaners die verbotene Substanz nachgewiesen worden sei.
Bei schon im Jahr 2004 durchgeführten, nachträglichen Untersuchungen in dem renommierten Anti-Doping-Labor Chatenay-Malabry bei Paris sei in sechs verschiedenen Proben das leistungssteigernde Mittel entdeckt worden, berichtete die Zeitung. Die Tests waren zu wissenschaftlichen Zwecken ohne Kenntnis des Namens der betroffenen Person durchgeführt worden. Redakteure der L'Equipe haben sich jedoch die Berichte über die Entnahme der Urintests verschafft, die beweisen sollen, dass sechs der Fläschchen mit positivem Inhalt von Seriensieger Armstrong stammen.
Keine Sanktionen möglich
Weil die Tests experimentellen Charakter hatten und keine Gegenexpertise möglich ist, könnten die Sportverbände die möglichen Verstöße allerdings nicht sanktionieren, schreibt die "L'Equipe". Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) prüfe aber die Möglichkeit von juridischen Schritten. 1999 war der Nachweis von EPO in Dopingtests noch nicht möglich gewesen. Die Methoden wurden erst Ende des vergangenen Jahrzehnts entwickelt und erstmals bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney und bei der Tour 2001 angewandt.
Keine Zweifel an Echtheit der nachgewiesenen Mitteln
"L'Equipe" schrieb, dass das Armstrong-Dossier auch an die US-Anti-Dopingbehörden weitergeleitet werden könnte, die in der BALCO-Affäre bewiesen hätten, dass Athleten auch ohne positiven Dopingtest mit Folgen rechnen müssten. An der Gültigkeit der Tests auch nach fünfjähriger Lagerung der Substanz hat der Direktor des beim IOC akkreditierten Labors, Dr. Jacques de Ceaurriz, keinen Zweifel. "Entweder EPO bildet sich in den Fläschchen zurück und ist nicht mehr feststellbar, oder es bleibt nachweisbar."
Armstrong dementiert Vorwürfe
In der Vergangenheit hatte es wiederholt Dopinggerüchte um den überlegenen Serien-Gewinner des wichtigsten Radrennens der Welt gegeben. Der frühere Krebspatient Armstrong hatte jedoch stets erklärt, er habe nie Dopingsubstanzen zu sich genommen und er wiederholte dies nach den jüngsten Anschuldigungen. "Ich habe nie verbotene, leistungsfördernde Substanzen eingenommen", schrieb der Texaner auf seiner Homepage (www.lancearmstrong.com) und qualifizierte den Artikel als Skandal-Journalismus. Die Zeitung gebe selbst zu, dass die wissenschaftliche Nachweismethode unsicher sei und er keine Möglichkeit zur Verteidigung habe.
Armstrong widmet sich nicht nur dem Kampf gegen den Krebs, sondern hat auch den Weltverband (UCI) zur Verbesserung der Nachweismethoden von Doping mit eigenen Mitteln finanziell unterstützt. Für Daniel Baal, den früheren Präsidenten des französischen Radsportverbandes und nun UCI-Vorstandsmitglied, wurde mit den jüngsten Beweisen ein Mythos gestürzt. "Es darf keinen Mythos mehr geben ab dem Zeitpunkt, ab dem die Lüge klar auf der Hand liegt. Jene, die Armstrong über jeden Verdacht erhaben sehen, haben heute eine Antwort bekommen, die schwierig zu widerlegen scheint."
Ullrich und Leipheimer zurückhaltend
Deutschlands Superstar Jan Ullrich wollte sich nicht an den Spekulationen über seinen früheren Dauerrivalen Armstrong beteiligen. "Er ist der Größte seiner Zeit", sagte der T-Mobile-Kapitän. "Vielleicht will man ihm jetzt wieder etwas anhängen." Wenn es so wäre, "dann wäre ich natürlich enttäuscht", aber das Ganze sei sechs Jahre her und "sehr spekulativ". Ullrich hatte bei der Tour de France 1999 wegen noch nicht auskurierter Sturzverletzungen auf eine Teilnahme verzichtet.
Der US-Amerikaner Levi Leipheimer, der 2000 und 2001 im Armstrong-Team US-Postal fuhr, hatte erklärt: "Ich bin nicht Lance, das interessiert mich nicht."
Tour-Direktor "schockiert"
Während Armstrong von einer Fortsetzung der "Hexenjagd" sprach, reagierte Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc betroffen. "Wir sind nach diesen Enthüllungen sehr besorgt, sehr geschockt", meinte der Tour-Chef. Die Affäre habe "schwerwiegende Auswirkungen" für die Tour und zeige, "dass der Kampf gegen Doping im Radsport und in anderen Sportarten seine Zeit braucht". Auf die Frage, ob er von Armstrong enttäuscht sei, meinte Leblanc: "Ja."
(apa)
