Samstag, 20. August 2005

Nach Tötung eines Unschuldigen: Politik der gezielten Todeschüsse wird revidiert

  • "Ein oder zwei kleine Veränderungen vorgenommen"
  • PLUS: Polizeichef Blair wird nicht zurücktreten

Nach der irrtümlichen Erschießung eines Brasilianers im Zuge der Anti-Terror-Fahndung hat die britische Polizei leichte Änderungen an ihrer umstrittenen Politik der gezielten Todesschüsse vorgenommen. Scotland Yard habe den Befehl "Shoot to kill" revidiert, sagte eine am Samstag. Details nannte sie nicht. "Wir haben ein oder zwei kleinere Änderungen vorgenommen", sagte die Sprecherin.

Zuvor hatte der Chef der Polizei-Aufsichtsbehörde Metropolitan Police Authority (MPA) mitgeteilt, die auch "Operation Kratos" genannte Politik, die vor allem mutmaßliche Selbstmordattentäter an ihrer Tat hindern soll, werde überprüft.

MPA-Chef Len Duvall sagte der Tageszeitung "The Independent" vom Samstag, der Druck der Öffentlichkeit wachse, die Politik der gezielten Todesschüsse auf den Prüfstand zu stellen. Scotland Yard nehme eine eigene Untersuchung vor. Letzlich sei es aber an der Regierung, eine öffentliche Untersuchung zur "Shoot-to-kill"-Politik einzuleiten.

Der Brasilianer Jean Charles de Menezes wurde am 22. Juli, einen Tag nach der zweiten Bombenserie in London, von Polizisten durch gezielte Kopfschüsse getötet. Am Mittwoch veröffentlichte Fotos und Zeugenaussagen brachten die Version der Polizei in Misskredit, wonach sich der 27-Jährige am U-Bahnhof Stockwell durch ungewöhnlich winterliche Kleidung und das Überspringen der Eingangssperre zur U-Bahn verdächtig gemacht habe. Der Fernsehsender ITV veröffentlichte Fotos und Videoaufnahmen, die zeigten, dass der Elektriker eine leichte Jeansjacke trug, den U-Bahnhof langsamen Schrittes betrat und noch eine Gratiszeitung mitnahm.

Unterdessen dementierte Scotland Yard einen Bericht, wonach die Polizei der Familie de Menezes eine Million Dollar (rund 823.000 Euro) Entschädigung angeboten hat. "Wir weisen nachdrücklich jede Andeutung zurück, dass eine Entschädigungssumme in Höhe von etwa einer Million Dollar angeboten wurde", sagte ein Polizeisprecher am Samstag. Scotland Yard habe mit der Familie lediglich über eine erste Aufwandsentschädigung gesprochen. Die Zeitung "Daily Mail" hatte Anfang August von der Millionenentschädigung berichtet. Am Samstag hieß es, die Familie habe dies zurückgewiesen.

(apa/red)

20.8.2005 08:47