Freitag, 19. August 2005

Angst vor Vogelgrippe: Aus für Freiland-hühner in Deutschland und den Niederlanden

  • Kein Einsperren der "Hendl" in Österreich

Die Hühner in Deutschland und in den Niederlanden werden wegen der drohenden Einschleppung der Vogelpest über Zugvögel in "Schutzhaft" genommen. Die deutsche Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) wird per Verordnung die Geflügelzüchter dazu verpflichten, die Tiere noch vor dem Eintreffen der Zugvögel einzusperren. Die selbe Maßnahme verhängten am Freitag auch die Niederlande. In Österreich wird es derartige Vorkehrungen zunächst nicht geben, teilte ein Referent des Gesundheitsministeriums der APA mit.

In den Niederlanden tritt die Verordnung über das Einsperren des Geflügels durch alle kommerziellen Züchter am kommenden Montag in Kraft. Betroffen sind mehrere Millionen Tiere. In Deutschland wurde zunächst an einen Beginn mit 15. September gedacht - dies allerdings nur für den Fall, dass sich das Vogel-Influenza-Virus weiter ausbreite und westlich des Urals nachgewiesen werde. Niedersächsische Geflügelzüchter verlangten am Freitag aber bereits ein Verbot der Freilandhaltung mit 1. September für Deutschland.

Kein Einsperren in Österreich
Im Gegensatz zu Deutschland wird es in Österreich vorerst keine "Einsperrung" von Freilandhühnern in den Ställen zur Vorsorge gegen die Vogelgrippe geben. "Wir haben diese Maßnahme nicht vorgesehen. Wir haben in Österreich eine geringere Geflügeldichte als in Deutschland oder den Niederlanden. Wir sind auch vom Vogelzug (mit dem H5N1-Geflügelpest eingeschleppt werden könnte, Anm.) weniger betroffen." Dies erklärte Mag. Ulrich Herzog vom Gesundheitsministerium in Wien am Freitag gegenüber der APA.

"Für den Ausbruch der klassischen Geflügelpest sind wir gewappnet. Da gibt es einen Seuchenalarmplan. Wenn ein Ausbruch geschieht, wird gekeult, es werden Betriebe gesperrt und Bestände vernichtet. Vor zwei Jahren gab es beispielsweise in den Niederlanden einen Riesen-Ausbrauch, mit der Keulung vom Millionen Tieren - und der wurde beherrscht. Auch in Oberitalien kommt die Geflügelpest immer wieder vor", hatte am Donnerstag der bei der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zuständige Bereichsleiter Dr. Josef Köfer erklärt.

Experten warnen vor Hysterie
Experten warnen sowohl in Österreich als auch in Deutschland seit Tagen vor einer Hysterie. Die Vogelgrippe ist für den Menschen kaum gefährlich. Seit 2003 hat es in ganz Asien - wo H5N1 in den Geflügelpopulationen grassiert - etwas mehr als 50 Todesopfer gegeben. Die Infektionen erfolgten alle nach engem direkten Kontakt mit den Tieren. Die hygienischen und veterinär- und humanmedizinischen Verhältnisse sind mit jenen in Westeuropa nicht zu vergleichen.

Heftige Kritik in Sachen Vogelgrippe - sie gibt es in Österreich und den angrenzenden Ländern derzeit genau so wenig wie eine akute Gefahr einer Influenza-Pandemie existiert - richtete am Freitag SP-Gesundheitssprecher Manfred Lackner an die Bundesstellen. Es grenze schon an Fahrlässigkeit, mit welchem Gleichmut die österreichische Bundesregierung und hier vor allem Gesundheitsministerin Rauch-Kallat (V) die Warnungen vor einer Pandemie und die Gefahren einer bereits vor den Toren Europas stehende Vogelgrippe herunterspielen, erklärte er in einer Aussendung. Der erstellte Pandemieplan sollte veröffentlicht, das Influenza-Mittel "Tamiflu" in ausreichendem Maß bevorratet werden.

Europäischer Teil Europas besorgt
Im europäischen Teil Russlands verschärfen Behörden und Landwirtschaft die Sicherheitsmaßnahmen gegen ein Übergreifen der Vogelgrippe aus Sibirien. Das auch für den Menschen gefährliche Virus H5N1 grassiert weiterhin hinter dem Ural-Gebirge im Westen und Süden Sibiriens. Die Grippe sei an 40 Orten nachgewiesen, an 78 Orten bestehe der Verdacht, teilte das Landwirtschaftsministerium in Moskau nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass mit. Die Überträger seien jeweils wild lebende Wasservögel gewesen.

Im Umland der Hauptstadt Moskau mit ihren elf Millionen Einwohnern werde die tiermedizinische Aufsicht über Geflügelfabriken und die private Hühnerhaltung verstärkt, berichtete die Verbraucherschutzbehörde des Gebietes Moskau am Freitag. In der Teilrepublik Mari-El an der Wolga bereiteten sich die Behörden auf den massenhaften Abschuss von Zugvögeln vor. Im Gebiet Uljanowsk warnten die Behörden zu Beginn der offiziellen Jagdsaison vor dem möglicherweise verseuchten Fleisch erlegter Wildgänse und Enten.

Der Hauptstadt Moskau drohe am ehesten im kommenden Frühjahr ein Ausbruch der Vogelgrippe, sagte der russische Ornithologe Pawel Tomkowitsch von der Universität Moskau. "Wenn das Virus den Winter über in der Natur zirkuliert, dann werden die Zugvögel es von ihren Winterplätzen mit nach Moskau bringen", sagte er.
(apa)

19.8.2005 12:11